Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 20.1839

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werth, eine große Aufmerksamkeit auf sie zu wenden- und
erst in den lezten Jahren hat man sich von dem geschicht-
lichen Werth derselben überzeugt, da sie, wenn auch in
Styl und Ausführung großentheils unvollkommen, doch
theilweise große Schönheiten, und in Hinsicht der Auf-
fassung und Motive höchst interessante Wahrnehmungen
darbieten. Seit Cicognara durch sein rednerisches
Werk über italienische Sculptur, welches auf ausländi-
sche Bildwerke nur wenig Rücksicht »ahm und mit einem
Panegyricus aus Canvva endigte, eine Entgegnung von
Em»ric-D avid hervorrief, die eine Uebersicht der Ge-
schichte der französischen Bildnerei gewährte, ohne gleich-
wohl auf specielle Forschungen sich einzulassen, ist nur
Einzelnes für diesen Zweck geschehen. Dankenswerth sind
die Abbildungen, welche von dem Grabmal Marimilians I.
in Jnnspruck durch Schädler und Schönherr, von
dem Sebaldusgrab und anderen Bildwerken,in Nürnberg
durch Reindel und Campe besorgt wurden; eben so
die Erläuterungen, welche Lepsius, Schadow, Can-
ria» und Adelung von Bildnereien in Naumburg,
Wittenberg, Magdeburg und Nowgorod mittyeilten, und
die, welche Boisserüe, Müller, Puttrich u. A. in
ihre Werke aufnahmen. Aber doch ist alles dieses noch
nicht hinreichend und bildet keine historische Folge. Höchst
wichtig ist die durch Stieglitz und Puttrich bekannt
gewordene Auffindung von Denkmälern, weiche den Beweis
zu liefern scheinen, daß in Deutschland eine frühere Ent-
wickelung der Sculptur vorhanden gewesen als in Ita-
lien. Diese Vermuthung wäre nur durch möglichst
umfassende archivalische Forschungen, durch eine genaue
Vergleichung der an Denkmälern verschiedener Art noch
vorhandenen Bildwerke, und durch eine Sammlung aus-
gewählter Abbildungen zu unterstützen, um sowohl die
Inkunabeln, als die Verschiedenheiten und Schattirungen
des entwickelten Styls nachzuweisen.

Die Gründlichkeit des Quellenstudiums, durch welche
die neuere historische Forschung so viel Tüchtiges hervor-
gebracht, ist am meisten in der Bearbeitung der Geschichte
der Malerei hervorgctreten. Man hat sich nicht mehr
an der Zusammenstellung des von älteren Schriftstellern
Gesagten begnügt, sondern ist zu den unleserlichen Ma-
nuscripten der Archive hinabgestiegen, um die Urkunden
auszusuchen und die mangelhaften Nachrichten zu ergän-
zen. Unter den Italienern, deren aufopfernde Bemü-
hungen in der Regel von uns Deutschen zu wenig gewür-
digt werden, haben Ciampi und Pungileoni viel
Wichtiges aus solchen Quellen geliefert. Den reichsten
Vorrath aber hat v. Rumohr in den zwei ersten Thei-
len seiner Italienischen Forschungen nicht nur gesammelt,
sondern zu einer, wenn auch nicht vollständigen, doch in
Bestimmung der Hauptpunkte vortrefflichen Uebersicht der
gcsammteu italienischen Kunstbestrebungen des Mittel-

alters verarbeitet. Dies Buch macht Epoche in der Künste
gcsckichte, da cs mit der Nachweisung vieler bisher
unbekannten Quellen eine zum erstenmale durchgeführte
Charakteristik der nach Provinzen verschiedenen An-
schauungs- und Auffassungsweise mehrerer Schulen ver-
bindet. Der Maaßstab, den v. Rumohr angelegt, ist
nicht der einer allgemeinen unbestimmten Schönheit,
welcher die Einen mehr, die Andern minder nachgekom-
men, sondern der einer eigenthümlichen Gesinnung und
Denkweise, welche durch Charakter und Schicksale des
Volks und der Provinz, in welcher die Kunst sich entwickelt,
bestimmt werden. Der trefflichen Anregung, welche dies
Werk gegeben, haben wir zum großen Theil die gründ-
liche und sichere Richtung jüngerer Forscher zu danken,
welche, selbst indem sie berechtigt sepn mögen, manche
von Rumohrs Ansichten und Angaben zu bestreiten, doch
die Grundsätze, nach welchen er verfahren ist, nnd den
größer« Theil seiner Charakteristiken werden stehen lassen
müssen. Viele treffliche und wichtige Bereicherungen der
italienischen Kunstgeschichte dürfen wir von unserm Mit-
arbeiter D,-. Gaye versprechen, welcher seinen nun fünf-
jährigen Aufenthalt in Italien zu den gründlichsten
Untersuchungen verwendet hat, und im Begriff steht,
seine Sammlungen, worunter sich besonders noch uncdirte
Künstlerbriefe befinden, zu veröffentlichen.

Ein besonders günstiger Antrieb für die Forschung
war der Eifer, mit welchem Regierungen und Privat-
personen in Deutschland, Frankreich und England Kunst-
sammlungen anlegten, oder erneuerten und glanzend
ausstatteten. Bei der Menge des Alterthümlichen, was
sich vorfand und als werthvoll erwies, wurde genaue
Vergleichung des Einzelnen, Zusammenstellung des Gleich-
artigen nnd Nachweisung seines Ursprungs nothwendig,
und wie auf solche Weise das Material zu einer wissen-
schaftlichen Behandlung führte, trug hinwiederum die
leztcre sehr Vieles bei, den Werth des ersteren zu erhö-
hen. Wir erinnern in dieser Hinsicht nur an die B ois-
serse'sche, Wallerstein'sche und Berliner Gemälde-
sammlungen. So ging auch die fleißige Bearbeitung, welche
die Kupferstich- und Holzschnittkunde durch Bartsch,
Brulliot, Heller u. A. in Deutschland, Duchesne
in Frankreich, Zani und Cicognara in Italien und
O ttl e y in England erfuhr, überall von den großen öffent-
lichen und Privatsammlungen aus, welche so reichen Stoff
für diese Untersuchungen darbotcn. Beschreibungen dersel-
ben, von welcher Art sie auch seyen, und Rcisebemerkungen,
überhaupt diejenige Ausdeutung der Kunstwerke, welche
die Griechen unter dem Namen Pcriegese verstanden,
machen daher jezt einen wesentlichen Theil der kunstge-
schichtlichen Literatur aus.

(Die Fortsetzung folgt.)
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