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KUNSTNACHRICHTEN

BEIBLATT DER KUNSTWELT
ERSCHEINT VIERZEHNTÄGIG


I. Jahrg. No. 2 20. Oktober 1911
Redaktion und Expedition: BERLIN W.62, Maaßenstr. 32 — Anzeigen Verwaltung: WEISE & CO., Berlin W.62
Die Kunstnachrichten werden an die Mitglieder der angeschlossenen Kunstvereine gratis abgegeben, sonst
jährlich 3 Mark, durch den Buchhandel oder durch die Post bezogen. . .♦

Aufgaben und Ziele der Deutschen Kunstvereine
ii.

Che wir uns mit der energischeren Betätigung
der in den Kunstvereinen vorhandenen mate-
riellen und ideellen Kräfte beschäftigen, mag es
nicht unzweckmäßig sein, auf das nicht hinreichend
gewürdigte Quantum dieser Kräfte aufmerksam
zu machen. Es gibt in Deutschland nahezu
100 Kunstvereine mit weit über 100000 Mit-
gliedern, deren Jahresbeitrag zwischen sechs und
zwanzig Mark schwankt, also durchschnittlich mit
zehn Mark zu beziffern ist, so daß die ständigen
Einnahmen der Kunstvereine sich auf mehr als
eine Million Mark belaufen. Diese Summe bildet
aber nur einen geringen Teil ihres Budgets, das
sich durch staatliche und städtische Subventionen,
durch den Ertrag der Ausstellungen, durch Ver-
mittelung von Bilderverkäufen an Private bei weitem
höher stellt. Einige Zahlen bezüglich des Bilder-
umsatzes mögen genügen: Baden-Baden verkauft
auf seinen Ausstellungen an Private für etwa
20000 M., Bielefeld für etwa 30000, Bremen
für 100—150000, Gotha für 10 —15000, Halber-
stadt für etwa 15000, Hamburg für 100000,
Hannover für nahezu 100 000, Stuttgart für
50—60000 M. Kunstwerke, wobei die für die
Sammlungen der Kunstvereine selbst gemachten
Ankäufe nicht eingerechnet sind. Diese Liste
ließe sich um das zehnfache vermehren, aber es
kommt hier in erster Linie darauf an, zu zeigen,
welche Fülle materieller Aktionskraft in den Kunst-
vereinen aufgespeichert ist. Es ist vor allem
darauf hinzuweisen, daß der einzelstaatliche und
provinzielle Kunstaufwand die Erträgnisse der-
großen Jahresbildermärkte in Berlin, München,
Dresden u. s. w. beträchtlich übersteigt und eine

größere Beachtung verdient, als ihm bisher von
der Produktion zu Teil geworden ist.
Ein Blick auf die Mitgliederliste genügt, um
zu erkennen, daß es in allen Schichten der Be-
völkerung zum guten Ton gehört, einem Kunst-
verein beizutreten. Offiziers-, Beamten-, Gelehrten-
und Kaufmannskreise, das ganze verständnisvolle
und kapitalskräftige Publikum findet sich in den
Kunstvereinen zusammen und bildet eine ge-
schlossene Masse, die nur energischer in Bewegung
gesetzt werden muß, um auf das nationale Kunst-
schaffen den- ihr gebührenden Einfluß zu gewinnen.
Diesen günstigen materiellen und ideellen Ver-
hältnissen steht die überraschende Tatsache gegen-
über, daß man selbst in wohlunterrichteten Kreisen
die Kunstvereine als eine quantite negligeable
betrachtet, die für die Kunstentwickelung wenig
bedeutet und sich alljährlich durch die Verteilung-
minderwertiger Nietenblätter und die Verlosung
mäßiger Durchschnittsbilder betätigt. Obwohl ein
so absprechendes Urteil nicht gerechtfertigt' er-
scheint, so ist doch andererseits eine rückläufige
Bewegung in der Entwickelung besonders der
kleineren Kunstvereine nicht zu leugnen. Die
Teilnahme an den Versammlungen ist vielfach
bis zur Beschlußunfähigkeit gesunken, die Aus-
stellungen, besonders in mittleren und kleineren
Städten,, bringen entweder veraltetes oder hyper-
modernes, mehr verblüffendes, als zum Verständnis
erziehendes Material; die Verlosungen wie die
Nietenblätter bereiten den Mitgliedern nur mäßige
Freude, da es unmöglich erscheint, den ver-
schiedenen Geschmacksrichtungen durch einen
Zufallsgewinn zu genügen, und vereinzelte Vor-
 
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