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Diese Nammer der Kunstnachrichten ist 8 Seiten stark.

Auflage: 13000

KUNSTNACHRICHTEN
BEIBLATT DER KUNSTWELT

Die » K u n s t n a ch r i ch t e n « sind ständiges
Nachrichtenblatt von 32 deutschen Kunst-
vereinen. Jährlich 3 M., durch den
Buchhandel oder durch die Post bezogen.
:: :: ERSCHEINT MONATLICH ::
Redaktion und Expedition:
BERLIN W. 62 > Kurfürstenstraße 131
frei Syffi Anzeigen-Verwaltung:
WEISE 'S) CO. • BERLIN W. 62.
I. JAHRG. No. 21/22
Ende August 1912

Der Wettbewerb zwischen der ,,alten“ und der „neuen“ Kunst.

Die Kunstauktionen dieses Sommers haben
uns darüber belehrt, daß die Kunstwerke ver-
gangener Zeiten, vor allem die aus dem 16., 17.
und 18. Jahrhundert, wiederum in der allgemeinen
Wertschätzung und damit auch im Preise ge-
stiegen sind. Die Preissteigerung ist auf gewissen
Gebieten so außerordentlich, daß die Preise mit-
unter heute das zwanzigfache der Preise vor
zwanzig Jahren betragen. Ist auch im besondern
die Ursache davon der Sammeleifer und die
Kunstbegeisterung der reichen Privatleute in den
Vereinigten Staaten von Amerika, so trägt doch
auch die Sammeltätigkeit sowohl der öffentlichen
Museen wie der Privatleute in Europa zu diesen
Preissteigerungen bei.
Dieses außerordentliche Interesse für ältere
Kunst, welches sich auch in den Wohnungs-
einrichtungen im besondern in der Vorliebe für
„Stilmöbel“ wiederspiegelt, hat das Sammeln
moderner Kunst in Norddeutschland, besonders
in Berlin, stark zurückgedrängt. In Berlin ist es
nur die moderne französische Kunst, die von
Privatsammlern gepflegt wird, die Äußerung einer
stets mit Frankreich und mit französischen Moden
liebäugelnden Plutokratie. Der Kunst der fran-
zösischen Neoimpressionisten hat sich ja auch
die Berliner Secession bedingungslos in die Arme
geworfen. Bedauerlich bleibt es nur, sehen zu
müssen, daß man durchaus in Berlin keinen
Qualitätsunterschied zu machen weiß zwischen
guten und schlechten Werken jener Meister, und
daß man ihre Talente und ihre Schwächen nicht
recht abzuwägen vermag. Für jene Sammler

sind Courbet, Renoir, Degas, Monet, Manet, Sisley,
Cezanne, Gauguin und Pissarro Heroen und In-
dividuen von gleicher Kraft und Genialität. Dieser
Mangel an Kritik gegenüber den Neoimpressi-
onisten wird, so muß man fürchten, die Berliner
Sammler auch den Kubisten, Futuristen und Ex-
pressionisten zuführen. Es liegt uns fern, ihnen
aus chauvinistischen Gründen einen Vorwurf
darob zu machen. Sollten sie dabei mit einer
guten Kapitalsanlage rechnen, so dürften sie wohl
vorbeispekuliert haben. Zu bedauern bleibt, daß so
viele deutsche Künstler, die sich sehr wohl neben
den Meistern verflossener Jahrhunderte und erst
recht neben den modernen Franzosen sehen lassen
können, von vielen Berliner Sammlern geächtet
werden. Doch liegt es vielleicht im Sammler-
wesen überhaupt begründet, daß nur ganz wenige
Sammler den Qualitätssinn und diesen Blick für
Genialität besitzen, daß sie den verschiedensten
Zeiten und Meistern gerecht zu werden imstande
sind. Die meisten Sammler von heute beschrän-
ken sich, allerdings zumeist aus finanziellen
Gründen, auf ein engumgrenztes Gebiet, und
man dürfte wrohl keinen einzigen in Berlin finden,
der mit gleichem Verständnis Gemälde und Skulp-
turen der Renaissance und des 19. Jahrhunderts
gesammelt hätte. Bei dieser Gelegenheit möchten
wir einige Worte über das Sammeln an sich ein-
schalten. Ebenso wichtig wie der Ankauf eines
Kunstwerks ist unseres Erachtens die Frage der
Aufstellung oder der Unterbringung desselben.
Alles Sammeln muß weit ausschauend und plan-
voll geschehen. Wie der Sammler sich nicht
 
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