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Diese Nummer der Kunstnachrichten ist 8 Seiten stark.

Auflage: 13 800.

KUNSTNACHRICHTEN
BEIBLATT DER KUNSTWELT

Die »Kunstnachrichten« werden an
die Mitglieder der ange- n'«’ n H o
schlossenen Kunstvereine o 1 allo
abgegeben. Sonst jährlich 3 M., durch den
Buchhandel oder durch die Post bezogen.


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BERLIN W. 62 ■ Kurfürstenstraße 131
Anzeigen = V erwaltung;
WEISE Ab CO. ■ BERLIN W. 62.

LJAHRG. No. 15/16

31. Mai 1912

Wanderausstellungen.

JZTntsprechend der Entwicklung des künstlerischen
Schaffens, vor allem der malerischen Pro-
duktion, hat das deutsche Ausstellungswesen in
den letzten 20 Jahren einen ungeheuren Auf-
schwung genommen. Was die ältere Künstler-
generation schmerzlich vermißte, die Gelegenheit,
ihre Werke öffentlich ausstellen zu können, bietet
sich heute der jüngeren in reichlichem Maße.
Gesellschaften und Vereine aller Art, von Künst-
lern und Kunstfreunden, Kunsthandlungen und
öffentliche Museen öffnen heute ihre Säle der
künstlerischen Produktion unserer Zeit. Die
Künstler können also über Gelegenheit zum
Bekanntwerden und Verkauf nicht mehr klagen,
sie haben reiche Auswahl, sie können ganze
Kollektionen von Gemälden auf mehrere Jahre
auf die Reise schicken und überall werden diese
gute Unterkunft finden, auch wenn der Autor
noch so unbekannt ist. Selbst die so oft ange-
fochtene Kritik erfüllt heute ihre mitunter recht
saure Aufgabe recht gut, sie nimmt sich der
heranwachsenden Generation verständnisvoll an,
und wenn sie sich oft nur in knappen oder
allgemeinen Bemerkungen ergeht, so ist meist
die Überfülle und — sagen wir es offen — das
Niveau des Gebotenen die Ursache hiervon.
Denn mit der verbesserten Gelegenheit auszu-
stellen hat sich keineswregs etwa auch die Qua-
lität der Ausstellungen und die der künstlerischen
Produktion überhaupt gehoben. Im Gegenteil:
alles ist ins Breite und Flache, gegangen. Es ist
ja nur zu bekannt, daß viele namhafte Künstler
mit nach kommenden Ausstellungen schielendem

Blick arbeiten, sie wollen auf jeder größeren
Ausstellung ein Bild haben, das von ihnen reden
macht. Ängstlich horchen sie auf das Gerede
des Publikums, obwohl sie dies laut in Abrede
stellen, und die deutschen Künstler, die nur aus
Freude an der Sache, aus Liebe zum Kunstwerk
schaffen und die nur Reifes und was eine län-
gere Prüfungszeit überstanden hat, aus der Werk-
statt herausgehen lassen, sind an den Fingern ab-
zuzählen. Zudem finden wir mehr und mehr
Studien und Skizzen ausgestellt, die ja über
manche Talente ihrer Urheber Aufschluß zu
geben vermögen, niemals aber darüber, ob der
Betreffende imstande ist, ein Bild zu malen.
Die Folge davon ist, daß sich in der Vorstellung
des Publikums die Grenzen zwischen Studie,
Skizze und Gemälde völlig verwischen (wohin ja
in der Tat die moderne Malerei steuert).
Wohin aber die Form und der Inhalt unserer
großen Ausstellungen wie der in den Glaspalästen
von Berlin und München geführt hat, das scheint
die Mehrzahl der Künstler noch nicht zu wissen,
sonst würden sie sich nicht so sehr darum be-
mühen, ihre Werke dort ausgestellt zu sehen.
Denn die wahren Kunstfreunde gehen nur mit
dem größten Widerwillen hinein und suchen mit
Vorliebe die kleineren intimeren Räume der
Kunsthändler mit dem gewählteren Inhalt auf.
Und unter den wahren Kunstfreunden findet
man auch die meisten Käufer.
Die Zukunft unserer Kunstausstellungen kann
unseres Erachtens keineswegs in der Richtung
der „Anhäufung von Bildermassen“ liegen. Man
 
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