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Diese Nummer der Kunstnachrichten ist 12 Seiten stark.

Auflage: 12000.

KUNSTNACHRICHTEN
BEIBLATT DER KUNSTWELT

Die »Kunstnadirichten« werden an
die Mitglieder der ange^ ß* r j- j o
scfilossenen Kunstvereine ö 1 L 1 o
abgegeben. Sonst jährlich 3 M-, durch den
Buchhandel oder durch die Post bezogen.


I. JÄHRG. No. 7-9

:: :: ERSCHEINT MONATLICH :: ::
Redaktion und Expedition:
BERLIN W. 62 ■ Kurfürstenstraße 131
Anzeigen - V erwaltung:
WEISE 'S) CO. • BERLIN W. 62.

15. Februar 1912

Die Kunstvereine und das Kunstgewerbe

Wer des öfteren die Ausstellungsräume von
Kunstvereinen durchwandert oder gar als Mitglied
eines größeren deutschen Kunstvereins dessen
Ausstellungstätigkeit mehr als ein Jahrzehnt hin-
durch verfolgt hat, der hat sich so manches Mal
fragen müssen, warum eigentlich unter den aus-
gestellten Kunstwerken so selten ein künstleri-
scher Gebrauchsgegenstand zu finden sei.
Es schien ihm, als ob das Kunstgewerbe nicht
als eine den sogenannten freien Künsten gleich-
berechtigte Kunstübung anerkannt werde.
Oder sollte es in der Tat in Deutschland
keinen Künstler mehr geben, der einen prak-
tischen Gegenstand nicht auch so geschmack-
voll und kunstreich herstellen könnte, daß
dieser wie in den alten Zeiten die Merkmale
wahren Künstlertums trüge? Sollte das Jahr-
hundert der Technik eine so verhängnisvolle
Wirkung auf das Kunsthandwerk geübt haben,
daß es nur noch maschinelle Industrieprodukte
hervorzubringen vermag ? Daß dem nun nicht
mehr so ist, dafür haben wir ja einige Beweise
und seit mehr als einem Jahrzehnt Anzeichen
dafür, daß Künstler das Kunstgewerbe auf ein
den freien Künsten gleich hohes Niveau zu heben
beabsichtigen. Aber, mit Verlaub, aus den Aus-
stellungen der Kunstvereine konnte man
diese Erkenntnis nicht gewinnen. Und doch
wäre gerade hier ein Feld der Betätigung für
sie, um die deutsche Kunst zu jener Einheit zu
führen, die wir alle so vermissen, und den Kunst-
gewerblern die notwendige soziale Gleichstellung
mit den anderen Künstlern erringen zu helfen.

Und schließlich, um den Geschmack im Hause
der Gebildeten auch in dieser Richtung zu ver-
bessern. Hier können gerade die Kunstvereine
der Mittelstädte außerordentlich fruchtbar wirken,
indem sie die . Handwerker ihres Kreises er-
muntern, alte Kunstübungen, die noch in letzten
Resten weiterleben, wieder aufzunehmen, und
indem sie in Weihnachtsausstellungen und solchen
zu anderen Gelegenheiten veranstalteten gelungene
Werke aus ihrer Werkstatt vorführen. Anderer-
seits können aber auch die ständigen Ausstellungen
der Kunstvereine viel abwechselungsreicher und
einladender gestaltet werden, wenn man zwischen
Gemälden und Bildhauerwerken ab und zu einige
schöne Keramiken, einige Silber- und Goldschmiede-
arbeiten oder ein paar außergewöhnlich gute Möbel
zeigt. Ferner könnte man einen Schaukasten mit
schönen Bucheinbänden und einen solchen mit
Medaillen und Plaquetten oder eine Vitrine mit
kleinen Bronzen aufstellen. Und sehr wahr-
scheinlich wird sich als Nebenergebnis durch Ver-
käufe ein kleiner Gewinn für die Kasse des
Kunstvereins einstellen.
Aber das Wichtigste dabei ist, wie schon gesagt,
daß der Kunstverein zwei bedeutsame Aufgaben
erfüllen kann, die ihm am meisten am Herzen
liegen sollten: die Bildung des Geschmacks und
dieFörderungdesKunsthandwerkes. Die Bil-
dung des Geschmackes hat gerade im Alltagsleben
und bei den Gebrauchsgegenständen einzusetzen:
An dem was wir tragen, dessen wir uns täglich
bedienen usw. Wir alle müssen noch mehr Wert
auf schöne und gediegene Ausführung von Teller
 
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