Deutschland <Deutsches Reich> / Reichs-Limeskommission [Editor]
Limesblatt: Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission — 1.1892-1893

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LIMESBLATT.

Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission.

Erscheint jährlich in 5—G Nrn. zum Preise von 3 Mark.

Druck und Verlag der Fr. Lintz'schen Buchhandlung in Trier.

Nr. 2.

Ausgegeben am 31. Dezember

1892.

H. Zwischenkastelle und Limes bei Walldürn

Der erste Spatenstich im Dienste der
Reichs - Limesforschung erfolgte am Süd-
eude des vom Unterzeichneten zu bear-
beitenden Grenzwallabschnittes auf ba-
dischem Gebiete, wo am 11. Juli d. J. mit
der Ausgrabung des im Hetlinger „Grossen
Wald" liegenden sg. „Hünehauses" be-
gonnen wurde. Die unter diesem Namen
den Umwohnern schon seit Menschenge-
denken bekannte, .vom Volk den Ronen
(Hennen, Hünen — Riesen) zugeschriebene
Befestigung ist als Bestandteil dos Limes
und zwar als Manipelkastell zum ersten-
mal von K. Christ in der Zeitschrift für
wissenschaftliche Geographie II, S. Gl f.
behandelt worden.

Das kleine Zwischenkastell ist mit vor-
trefflicher Wahl des Platzes auf dem Rücken
eines bügelartigen Vorsprunges angelegt,
der nach drei Seiten das vorliegende Ge-
lände beherrscht und bezw. durch seine
Abhänge den Angriff erschwert. Da sich
bald ergab, dass die ringsumziehende wall-
artige Erhöhung ganz seicht unter der Über-
fläche noch ziemlich erhaltenes zusammen-
hängendes Mauerwerk barg, so bot sich die
seltene Gelegenheit, mit verhältnissmässig
geringer Arbeit, die gesamte Umfassungs-
mauer eines römischen Kastells teils durch
vollständige Abräumung, teils wenigstens
durch fortlaufende Aufhauung der Ober-
kanten auf der von störendem Unterholz
befreiten Waldfläche in vollständigem Zu-
sammenhang zur Erscheinung zu bringen,
und die gänzliche Rlosslegung der beiden
Thore, sowie der 4 Eckabrundungen bis
auf die ehemalige Area vervollständigte
das anschauliche Bild.

Das Kastell stellte sich danach als ein
etwas verschobenes Viereck von rund 40 m

Front- zu 4G m Flankenlänge') dar, so
zwar, dass die Vorderseite 1,16 m mehr als
die Decumanseite misst. Die Abrundung
der vier Ecken vollzieht sich in kurzen,
ungleichen und unregelmässigen Bogen.
Die Unizugsmauer, welche an der Decu-
manseite nur 1 m, an den 3 anderen Seiten
dagegen 1,10 m stark und zusammenhän-
gend noch in 5 bis (i Schichten vorhanden
ist, besteht aus massig dicken Kalkstein-
platten, wie sie in unmittelbarer Nähe mit
mehr oder minder ebenen Abgangsflächen
gebrochen werden. Dieselben sind, ohne
jede Zurichtung mit dem Mauerhanuner,
als Verkleidsteine mit Brockenfiillwerk,
unter Wahrung gleichmässiger Schichten-
höhe, soweit das rauhe Material dies ge-
stattete, in kalkreichem Mörtel, jedoch
immerhin so flüchtig und unordentlich ver-
setzt, dass die Mauerung keineswegs den
sauberen Anblick gewährt, den sonst rö-
misches Mauerwerk darzubieten pflegt.
Mehrfach vorgefundene Schrotten und ver-
einzelte Mauersteine von rotem Sandstein
(der zunächst nur in etwa 6 km Entfer-
nung vorkommt) machen es jedoch wahr-
scheinlich, dass der obere Teil der Mauer
wohl aus diesem besseren, jetzt verschlepp-
ten Materiale bestand, liier und dort,
namentlich aber auf der Innenseite der
Eckabrundungen war auch die bekannte
Schrägstellung einzelner Schichten, jedoch
nur einseitig angewendet.

Wie bei einer so kleinen Anlage zu
erwarten, fand sich nur in der Fronte und
in der Rückseite des Kastellchens je eine
Thoröffnung, beiderseits ziemlich genau in
der Mitte mit lichter (mittlerer) Weite von

1) Die genauen Aussenmasso betrugen: -10,C0 ra
Front-, 39,4fi Decumanseite, 46,60 rochto Ottd -10,35 m
linke Flanke.
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