Lindau, Martin B.
Lucas Cranach: e. Lebensbild aus d. Zeitalter d. Reformation — Leipzig, 1883

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vorwort.

die reiche Galerie des Palastes Borghese birgt, außer einem Portrait des
deutschen Meisters, eines seiner Venusbilder, das hier in unmittelbarer Ge-
sellschaft einiger anderer trefflicher Bilder deutscher und niederlündischer
Schule an Bedeutung nicht zurücksteht und an ein ahnliches Cranachstches
Werk im Berliner Mirseum erinnert. Auch die Galerie des Palastes Colonna
erfreut sich als einzigen Schatzes aus der altdeutschen Schule eines Bildes,
„Versuchung des heiligen Antonius", das den Namen Lucas Cranach trägt.
Alles Uebrige, was man in römischen Sammlungen hier und da unter
Cranacksts Namen finden mag, dürfte mehr oder weniger zu jener anch in
Deutschland so vielfach verbreiteten Bilderart zu rechnen sein, die man ohne
sorgfaltigere Berücksichtigung maßgebender Eigenthümlichkeiten und Zeichen
ohne weiteres dem Cranach zuschreibt, weil sie seiner Zeit oder dem Kreise
seiner Ein- und Nachwirkung anzugehören scheint.

Erst in der Galerie zu Florenz fand ich vor dem schönen Selbstportrait,
das der Meister im Jahre 1550, also in seinem 78. Jahre malte und das
als ein an diese Sammlung gemachtes Geschenk des Churfürsten August II.
von Sachsen verzeichnet, auch durch die Kupferstiche von Lasinio und Clerici
des Florentiner Galeriewerkes hinlünglich bekannt ist, ingleichen vor den
Cranachstchen Bildnissen Luther's, der Katharina von Bora und Melanch-
thon's, sowie einigen anderen Cranach'schen Bildern ansts Neue Gelegen-
heit, mich recht lebhast des Eindruckes und der Betrachtungen zu erinnern,
womit mich die Madonna der Galerie Sciarra gefesselt hatte, und in die
Heimat zurückgekehrt, ward es mir, in treuer Erinnerung an jene deutsche
Stunde im römischen Lande, zu einem mit Vorliebe gepflegten Bedürfniß,
den Kunstleistungen Cranach's nicht bloß, sondern vor Allem auch den
Umständen und Ereignissen seines Lebens mit allen ihren interessanten Be-
ziehungen zu den hervorragendsten Genossen seiner Zeit mit Sorgsamkeit
nachzugehen. Die nachfolgenden Blätter mögen Zeugniß geben, inwieweit
es mir gelungen ist, diesem Bedürfniß gerecht zu werden. Sie sind das
Ergebniß einer sorgfültigen Benutzung aller mir gebotenen Anschauungs-
mittel und aller mir zugängig gewesenen ülteren und neueren, bereits
benutzten oder unbenutzten Quellen, die im Texte größtentheils angeführt
sind, und haben, ohne in kunstkritischer Beziehung mit dem in die Schranken
treten zu wollen, was seither über Cranach geboten worden ist, vor allem
den Zweck, Lucas Cranach als ganzen Menschen, nicht bloß als Künstler
darzustellen, ihn gewissermaßen zum Mittelpunkte einer Schilderung seiner
Zeit und ihres müchtigen Ringens nach Licht und Wahrheit zu machen, sein
Bild in möglichster Lebensfrische und Nrsprünglichkeit in seiner Zeit sich
spiegeln zu lassen und dasselbe wiedernm seiner Zeit zum Spiegel zu geben.

Dresden, im Mürz 1883.

M. B. Lindau.
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