Lüders, Heinrich [Hrsg.]
Bruchstücke buddhistischer Dramen — Berlin, 1911

Seite: 12
DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/lueders1911/0022
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
12

DIE SPÄTEREN SCHICKSALE DER HANDSCHRIFT.
Wir können nun aber auch noch die weiteren Schicksale der Hand-
schrift feststehen. Sie muß schon in alter Zeit viel benutzt worden sein.
Das geht daraus hervor, daß der Rand an manchen Stellen so abgegriffen
ist, daß die Buchstaben der äußersten Zeilen dadurch verstümmelt oder ganz
verloren gegangen sind. An zahlreichen anderen Stellen ist die Schrift ab-
gerieben. In den meisten Fällen sind die verloren gegangenen Buchstaben
von einer späteren Hand ergänzt, die undeutlich gewordenen nachgezogen
worden. Wo die Schrift stärker verwischt war, hat der Restaurator sich nicht
die Mühe genommen, die alten Linien genau nachzuziehen, sondern hat ein-
fach die ihm geläufigen Zeichen hingeschrieben *). Vielfach hat er auch einzelne
wohl erhaltene Zeichen modernisiert. Wahrscheinlich hat er auch ein ganzes
Blatt, das irgendwie abhanden gekommen war, erneuert. Jedenfalls ist das
Fragment 116, das dem Inhalte nach zu der Handschrift gehört haben muß,
vollständig in der späteren Schrift geschrieben. Die Tätigkeit des Restaurators
ist aber noch weiter gegangen. Er hat auch den Text revidiert, Ver-
besserungen gemacht und häufig ganze Wörter eingefügt. Die Wörter sind
meist zwischen die Zeilen geschrieben, und eine punktierte Linie (z. B. iop i;
14p i; 21% i; 21p 2; 24p 2; 26p 1; 27p 1; 29% 2; 33p 2; 34p 3; 39p 1;
43% 1) oder auch zwei Striche (21p 3) deuten an, wo sie einzuschieben sind.
Die Veränderungen und Zusätze des Revisors lassen sich am besten erkennen,
wenn man die Blätter schräg gegen das Licht hält. Während dann die ur-
sprüngliche Schrift für das Auge verschwindet, tritt alles später Geschriebene
deutlich hervor, offenbar weil die von dem Späteren verwendete Tinte anders
zusammengesetzt ist als die ursprünglich benutzte. Ich habe in den Noten
zum Texte die von dem Spätem herrührenden Veränderungen im einzelnen
angegeben; jedes Strichelchen, das von ihm stammt, als solches zu kenn-
zeichnen, war freilich weder möglich noch nötig.
Die Schrift des Revisors ist von der des ursprünglichen Schreibers er-
heblich verschieden. Die wichtigsten Unterschiede sind die folgenden:
1. Während bei dem A der ursprünglichen Schrift die Enden der
beiden Kurven in eine Linie zusammengeflossen sind, treffen die Kurven bei
dem spätem A erst in der rechten Vertikale zusammen. Beispiele bieten
17p 4 und die nachgezogenen Buchstaben in 32", 2; <3° 37p 1;

Ö An manchen Stellen ist die ursprüngliche Schrift kaum noch zu erkennen, und da hat
die Handschrift geradezu den Charakter eines Palimpsestes; nur haben wir keinen Grund anzu-
nehmen, daß der ursprüngliche Text von dem späteren inhaltlich verschieden war. Daß es in der
Kusana-Zeit tatsächlich Palimpseste in Indien gegeben hat, wissen wir aus der zweiten Ge-
schichte von A§vaghosa's Süträlamkära (traduit par Huber, p. 13), auf die schon S. Levi, Journ. As.
S. X, T. 12 , p. 88, aufmerksam gemacht hat. Dort wird von einem Brahmanen aus der Gegend
von Pätaliputra erzählt, daß er von einem Buddhisten ein Manuskript des Sütra der zwölf Nidänas
gekauft habe in der Absicht, es zu waschen und die Schrift abzuschaben, um ein Vaisesikasutra
darauf zu schreiben. Unsere Handschrift zeigt, wie leicht sich das bewerkstelligen ließ.
loading ...