Moholy-Nagy, László
Malerei, Fotografie, Film — Muenchen, 1927

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EINFÜHRUNG

i.

In diesem Buch versuche ich die Problematik der heutigen optischen
Gestaltung zu fassen. Die Mittel, die uns die Fotografie in die Hand
gegeben hat, spielen darin eine wichtige und von den meisten heute
noch verkannte Rolle: in der Erweiterung der Grenzen der Natur#
darstellung ebenso wie in der Verwendung des Lichtes als Gestaltungs-
faktor: Hell#dunkel an Stelle des Pigments.

Der fotografische Apparat hat uns überraschende Möglichkeiten ge#
liefert, mit deren Auswertung wir eben erst beginnen. In der Er#
Weiterung des Sehbildes ist selbst das heutige Objektiv schon nicht
mehr an die engen Grenzen unseres Auges gebunden; kein manuelles
Gestaltungsmittel (Bleistift, Pinsel usw.) vermag ähnlich gesehene
Ausschnitte aus der Welt festzuhalten; ebenso unmöglich ist es dem
manuellen Gestaltungsmittel, eine Bewegung in ihrem Kern zu
fixieren; auch die Verzerrungsmöglichkeiten des Objektivs — Unter#
sicht, Obersicht, Schrägsicht — sind keineswegs nur negativ zu werten,
sondern geben eine unvoreingenommene Optik, die unsere an Asso#
ziationsgesetze gebundenen Augen nicht leisten; und von einem
andern Gesichtspunkt: die Feinheit der Grauwirkungen ergibt einen
sublimierten Wert, dessen Differenzierung außer dem eigenen Wir#
kungsbereich selbst der Farbengestaltung zugute kommen kann.
Doch sind mit dieser Aufzählung noch weit nicht die Grenzen der
Möglichkeiten auf diesem Gebiet gegeben. Wir stehen erst am An#
fang der Auswertung; denn —obwohl die Fotografie schon über hun#
dert Jahre alt ist, hat der Entwicklungsgang es doch erst in den letzten
Jahren erlaubt, über das Spezifische hinaus die Gestaltungskonse#
quenzen zu erkennen. Seit kurzem erst ist unser Sehen reif geworden
zur Erfassung dieser Zusammenhänge.

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