Moholy-Nagy, László
Malerei, Fotografie, Film — Muenchen, 1927

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ÜBER DAS

GEGENSTÄNDLICHE

UND

GEGENSTANDSLOSE

Die biologischen Funktionen der Farbe, ihre psychofysische Wirksamkeit sind
noch kaum untersucht. Eins ist aber sicher: Farbe aufzunehmen, Farbe zu er«
arbeiten ist für den Menschen eine elementare, biologische Notwendigkeit. Wir
müssen annehmen, daß für alle Menschen gemeinsame, durch unseren fysiolo*
gischen Apparat bedingte Beziehungs* und Spannungsverhältnisse der Farben,
Helligkeitswerte, Formen, Lagen, Richtungen bestehen. Z. B. Komplementär*
färben, zentrische und exzentrische, zentrifugale und zentripetale Anordnungs*
möglichkeiten der Farben, Helligkeits* und Dunkelheitswerte — Weiß* und Schwarz*
gehalt —,Warm und Kalt der Farben, Nah* und Fernbewegung, Leicht und

I Schwer der Farben. Die bewußt oder unbewußt im Biologischen wurzelnde
Verwendung dieser Beziehungs* bzw. Spannungsverhältnisse ergibt den Be*
griff der absoluten Malerei. Diese Verhältnisse sind tatsächlich zu allen
Zeiten der eigentliche Inhalt farbiger Gestaltung gewesen. D. h. Male*
reien jeder Zeitepoche mußten aus diesen ursprünglichen, in dem Menschen
verankerten Spannungsverhältnissen gestaltet werden. Die feststellbaren Unter*
schiede in der Malerei verschiedener Perioden können nur als zeitliche
Formveränderungen derselben Erscheinung erklärt werden. Praktisch be*
deutet dies, daß ein Bild — unabhängig von seinem sogenannten „Thema“
— schon durch die Harmonie seiner Farben und Hell*Dunkelverhältnisse
wirken müßte. Ein Bild könnte z. B. auf dem Kopf stehen und doch genügende
Basis für die Beurteilung seines malerischen Wertes bieten. Allerdings ist das
Wesen eines Bildes früherer Kunstepochen weder mit seiner Farbigkeit noch
mit seinen Darstellungsabsichten (nämlich Gegenständlichkeit allein) erschöpft.

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