Schreyer, Lothar
Erinnerungen an Sturm und Bauhaus: was ist des Menschen Bild — München, 1956

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DlE WORTKUNST DES STURM

Wir haben nicht gern von »Dichtung« oder »Gedichten«
gesprochen, sondern statt dessen lieber von »Wortkunst«
und »Wortkunstwerken«.
Wir haben uns in allen Formen der Wortkunst versucht:
in Roman, Novelle, Kurzgeschichte, Brief, Drama,
Hymne, Epos, Lied, Spruch, Essay. Wir haben unsere
Arbeiten in den Jahrgängen der Zeitschrift DER STURM
und in den wenigen Büchern des Verlages DER STURM
veröffentlicht.
Jede der Formen haben wir auf die eigentümliche Weise
umgestaltet, die nach unserer Ansicht den Ausdruck
Wortkunst und Wortkunstwerk rechtfertigt. Wie für die
bildende Kunst des STURM ist uns auch für die Wortkunst
des STURM die große künstlerische Freiheit im Gestalten
wesentlich. Auch in der Wortkunst lehnten wir jede ein-
seitige Formgebung ab. Da sind so unterschiedliche Ro-
mane möglich wie die von Paul Scheerbart und Herwarth
Waiden, so unterschiedliche Dramen wie die von Ko-
koschka, August Stramm oder von mir, so unterschied-
liche Verse wie die von Else Lasker-Schüler, Wilhelm
Runge und Otto Nebel.
Der Essay als Zeitkritik und Kunstkritik nahm einen
breiten Raum in allen Jahrgängen der Zeitschrift ein.
Jede Kritik ist als ein Wortkunstwerk gestaltet. Und jede
Kritik hat stets eine positive Seite. Sie diente der Kunst-
wende, der rechten Betrachtung der Werke, der Bilder
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