Schreyer, Lothar
Erinnerungen an Sturm und Bauhaus: was ist des Menschen Bild — München, 1956

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DER VATER DER SPIELER

Gewiß war er lang vor dem STURM. Gewiß stürmte er
im STURM. Gewiß wird er nach dem STURM sein, ist es
schon. Uralt ist er. Das »Buch Ur« ist eine seiner groß-
artigsten Konzeptionen. Ich habe das Manuskript »ver-
schlungen«. Es ist nie gedruckt worden und wird nie ge-
druckt werden.
William Wauer ist sein Name. Er heißt wirklich William
und hat den Namen nicht aus Amerika mitgebracht,
wo er in jungen Jahren ein halbes Jahr gelebt und sein
Spiel mit dem Leben begonnen hatte. Das Spiel hatte
begonnen, als er, noch ein Schuljunge, seinen Vater,
einen ehrbaren Pastor im Erzgebirge, eines Tages zum
Großvater gemacht hatte. Er erzählte es als reifer Mann
gern, nicht ohne Stolz. Als ich seinen Namen hörte, am
Anfang meiner Mitarbeit im STURM, kannte ich ihn
schon lang, obwohl ich ihn nie gesehen hatte. Das lag
wohl daran, weil er »vom Theater war«. Alle, die einmal
die Luft der Masken gerochen haben, erkennen sich
daran, wann und wo sie sich auch treffen. Und doch,
nach mehr als einem Menschenalter weiß ich, daß ich
ihn nie zu Ende kennen werde. Stets ist er ein anderer,
stets das lächelnde Widerspiel mit sich — selbstverständ-
lich mit allen Menschen.
Als er zum erstenmal die Monumentalbüste von Her-
warth Waiden im STURM ausstellte — sie ist noch immer
das Hauptwerk der deutschen expressionistischen Plastik
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