Schreyer, Lothar
Erinnerungen an Sturm und Bauhaus: was ist des Menschen Bild — München, 1956

Page: 275
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WER HEBT DEN SCHATZ?

Ein Menschenalter nach dem STURM die Stille.
Ich lausche in die Stille. Ich nehme ein altes STURM-Heft
in die Hand. Ich lese ein Bruchstück aus »Unfeig. Eine
Neun-Runen-Fuge. Zur Unzeit gegeigt« von Otto
Nebel.
Manche Leser von damals fanden das Gedicht durchaus
,nebel'haft.
Da muß gesagt werden, daß Otto Nebel einen neuen
Grundsatz der Gestaltung für die Wortkunst entdeckt
hat. Dieser Grundsatz beruht darauf, daß Otto Nebel
aus einer bestimmten Wahl von Buchstaben, die er als
RUNEN begreift, FUGEN dichtet. Die Fugen-Dichtung
folgt dem musikalisch-bauwerklichen Begriff der Fuge:
die Runen suchen, finden und fliehen einander und bil-
den ein bauwerkliches Gefüge aus Wortklängen, in dem
jede Rune gemäß dem Werkgehalt, dem Gesamtinhalt
und der Gesamtgestalt eingefügt ist.
Dieser Nebel-Otto lebt noch. Vor drei Jahren haben wir
uns nach einem Vierteljahrhundert wiedergesehen. Das
Wiedersehen, von Nell Waiden, der guten Fee des
STURM, veranstaltet, war stürmisch gewesen. Darüber
hatte ich vergessen, nach Otto Nebels Wortkunst zu fra-
gen.
Nun aber — ich mußte endlich die ganze Neun-Runen-
Fuge kennenlernen, von der wir, vor gerade dreißig Jah-
ren, ein paar Bruchstücke veröffentlicht hatten.
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