Schreyer, Lothar
Erinnerungen an Sturm und Bauhaus: was ist des Menschen Bild — München, 1956

Page: 96
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/schreyer1956/0108
License: Wahrnehmung der Rechte durch die VG WORT (VGG § 51, 52) Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
96

DER MANN MIT DER NELKE

bis heute aus dem Wege ging. Und das, obwohl ich
ihn als Künstler verehre, obwohl er viele meiner
Freunde gezeichnet und gemalt hat, obwohl sein
ganzes Werk 40 Jahre lang mein Leben in der Kunst
und für die Kunst begleitet hat, immer wieder neu
begleitet.
Er ist — für mich besonders reizvoll — eine der großen
Doppelbegabungen. Er hat die Macht des Wortes und die
Macht der Bilder. Auf ihn und sein Werk traf ich zuerst
im STURM, als ich seine dramatische Dichtung ,Mörder
Hoffnung der Frauen' las und seine Zeichnungen dazu
sah. Worte und Zeichnungen rissen mich fast um. Das
war äußerste expressionistische Dichtung. Da wurden
keine Gedanken oder Gefühle dargestellt, aber die Wort-
bilder und Klangrhythmen erzeugten die Gedanken und
Gefühle auf geheimnisvolle Weise, offenbarten die Welt
der zerstörenden, d. h. reinigenden Kräfte und die Welt
der schöpferischen Gesetze. Diese Dichtung wirkt als eine
an sich selbst verbrennende Brunst mit einer Gewalt wie
kaum eine andere Dichtung eines Zeitgenossen. Die Ent-
larvung des bloßen Geschlechts in seiner höllischen
Brunst wird hier Ereignis. Nur der Hahnenschrei am
Ende des Dramas ist ein Zeichen, daß dieser mörderische
Untergang in Glut und Asche dem Sieg des Morgens
vorangeht, daß das Licht des Tages erst strahlen kann,
wenn die nächtige Welt der Brunst verbrannt ist. Für
Charakterschilderung, Psychologie oder Psychoanalyse
sind diese Gestalten des Schreckens und des Abgrundes
loading ...