Schreyer, Lothar
Erinnerungen an Sturm und Bauhaus: was ist des Menschen Bild — München, 1956

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DIE IKONE

um Rat fragte. Ist denn das noch Malerei? Sie nannten
das sogar absolute Malerei. Wo soll das hinführen? Erst
abstrahiert man den Gegenstand. Dann läßt man den
Gegenstand ganz weg. Es bleiben nur Färb flecke. Dann
abstrahiert man die Farbflecke zu geometrischen Figuren.
Es bleibt nur noch übrig, auch diese wegzulassen. Und
die absolute Malerei endet notwendig im Nichts. Sie sag-
ten mir damals, ich solle mit Kandinsky selbst sprechen.
Ein paar Wochen bin ich nun wie die Katze um den
heißen Brei gegangen. Heute aber, soeben, habe ich mit
Kandinsky gesprochen.«
»Und was ist geschehen?« fragte ich.
»Ich habe mich gründlich vorbereitet«, begann die
Beichte. »Zunächst habe ich ein Bild gemalt, mit Tem-
pera, denn es sollte sehr rasch trocknen, auf Pappe,
44 : 44 cm, also in der berühmten Zahl 4, von der Kan-
dinsky und Sie Wunderdinge als von der mystischen Zahl
der Erde erzählen. Die 4 mit 11 multipliziert, mit der
Zahl 11 als dem Sinnbild des Neuanfangs. Und dann
die Quadratform als das Formsinnbild der Erde. Herr
Schreyer, das ist doch ein richtiger Unfug mit den Sinn-
bildern, den wir am Bauhaus treiben müssen!«
»Vorsicht! Vorsicht!« unterbrach ich ihn. »Was man
nicht versteht, hält man gern für Unfug. Und der Unfug
wird noch größer, wenn man so handelt, als wisse man
Bescheid. Es ist ein grober Unfug, Sinnbilder anzuwen-
den, wenn man von ihnen nur weiß, sie aber nicht selbst
erzeugt. Ich habe Ihnen oft geraten, zu Fräulein Grunow
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