Straßburger Münsterblatt: Organ des Straßburger Münster-Vereins — 6.1912

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Herr Dr. Zimmermann berichtet:

Gutachten zu dem Berichte über die Bauschäden am Turmpfeiler und ersten Arkadenpfeiler

des Münsters zu Strassburg i. E.

Auf Grund eingehender Prüfung des mir über-
sandten Materials an Lichtbildern und Zeichnungen
bin ich zu den nachstehenden Ergebnissen gelangt.

Die im Bericht des Münsterbaumeisters vom
26. April 1909 niedergelegten Anschauungen über
die Entstehungsweise und die Ursachen der aufge-
tretenen Bauschäden halte ich für zutreffend. Ob
die auf den Blättern 14 und 23 dargestellten sta-
tischen Untersuchungen hinreichend genau der wirk-
lichen Kräfteverteilung entsprechen und rechnerisch
fehlerfrei sind, konnte ich in Ermanglung der nötigen
Unterlagen und Erläuterungen zwar nicht nach-
prüfen. Es erschien dies aber auch zur Gewinnung
eines Urteils über die Ursache und den Zusammen-
hang der einzelnen Bauschäden nicht erforderlich,
da die allgemeinen, unschwer als zutreffend zu er-
kennenden statischen Betrachtungen des Berichtes
in Verbindung mit den Angaben tatsächlicher Art
über die Beschaffenheit des Baugrundes unter dem
Turmpfeiler schon zur Bildung eines solchen Urteiles
ausreichen.

Ferner stimme ich der Auffassung des Berichtes
dahin zu, dass umfangreiche und gründliche Instand-
setzungsarbeiten unbedingt notwendig sind, um den
Eintritt eines gefahrdrohenden Zustandes des Bau-
werkes zu vermeiden. Diese Arbeiten müssen in
erster Linie die Sicherung des Fundamentes des
Turmpfeilers zum Ziele haben. Ist diese erreicht, so
kann der Arkadenpfeiler von seiner Überlast so weit
befreit werden, dass die Neuherstellung in gleichen
Abmessungen hinreichende Sicherheit gegen die
Wiederkehr von Schäden bietet.

Zu einem Urteil darüber, welche von den drei
im Berichte aufgeführten Arten der Verstärkung
des Turmpfeilerfundamentes die zweckmässigste ist,
reichen die Unterlagen nicht aus. Die vorliegenden
Zeichnungen können nur als Skizzen zur Klarlegung
des allgemeinen Gedankenganges gelten. Die Ent-
scheidung würde dagegen vollständig durchgear-
beitete Baupläne mit genauer Darstellung der ein-
zelnen Arbeitsstufen und der jeweils wirksamen
Kräfte sowie die Berechnung der Spannungen
in den Hauptteilen der Hilfskonstruktionen, ein-
schliesslich aller Verbindungen, erfordern. Ich
kann daher vorläufig nur einige Gesichtspunkte
kurz andeuten, die mir für die weitere Behand-
lung der Verstärkungsentwürfe von Wichtigkeit
scheinen.

Für die Wirksamkeit des neuen Fundamentes
ist die möglichst innige Verbindung der ganzen

Masse unerlässlich. Andererseits verbietet die Rück-
sicht auf den Bestand des vorhandenen Pfeilers zu
weitgehende Aufgrabungen im Zusammenhang.
Besonders bei Ausführung des dritten Vorschlages
dürften nur enge, schachtartige Baugruben aus-
gehoben werden, so dass also der untere Fundament-
ring sich aus einer grösseren Zahl von Einzelklötzen
zusammensetzen würde. Nur wenn es gelingt, diese
Klötze so fest miteinander zu verbinden, dass sie
die von der Schrägstellung der grossen Holzpfosten
herrührenden Schube und die aus ungleichmässiger
Belastung des Bankettes entspringenden Kippmomente
als einheitlichen Ring aufnehmen, ist die Bauweise
einwandfrei. Durch Ausbildung des anzuwendenden
Arbeitsverfahrens bis in alle Einzelheiten müsste
festzustellen versucht werden, ob und wie sich eine
solche Verbindung der Fundamentklötze (durch Ver-
zahnungen? Eiseneinlagen u. dergL?) sicher erreichen
lässt. Ich halte das wohl für möglich.

Eine ähnliche Schwierigkeit, wie bei dem Fun-
dament, tritt bei der Abfangung der auf dem Turm-
pfeiler ruhenden, sehr grossen Lasten auf. An-
scheinend wird beabsichtigt, den Kopf des Pfeilers
mit einer kapitälartigen Betonmasse zu umgeben,
die nach genügender Erhärtung die Angriffsfläche
für den Stützendruck der Holzpfosten bieten soll.
Für die Wirksamkeit einer derartigen Anordnung
fehlt es an Erfahrungen, so dass man völlig auf
theoretische Betrachtungen angewiesen ist. Diese
lehren aber, dass in einem solchen nach allen
Seiten konsolartig vorspringenden Körper erheb-
liche Zugspannungen auftreten müssen, die durch
ringförmig um den Pfeilerschaft gezogene Eisenein-
lagen nicht vollständig aufgenommen werden können.
Hier scheint eine weitergehende Sicherung — etwa
durch allseitige Einspannung des Betonkörpers in
einem aus biegungsfesten Teilen herzustellenden
Eisenrahmen — geboten.

Mit dem Vorbehalte der angedeuteten Ergän-
zungen halte ich alle drei Instandsetzungsvorschläge
des Berichtes für ausführbar. Die geringsten Schwie-
rigkeiten dürfte der zweite Vorschlag bieten; die
grösseren der dritte, der voraussichtlich auch sehr
bedeutende Kosten verursachen wird. Bei der un-
günstigen Beschaffenheit des den Turmpfeiler zur
Zeit tragenden schwer belasteten Baugrundes ist
das tiefe Hinabtreiben von Baugruben in dessen
unmittelbarer Nachbarschaft jedenfalls ein nur mit
der äussersten Vorsicht anzuwendendes und lang-
wieriges Verfahren. Es dürfte sich daher empfehlen,
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