Straßburger Münsterblatt: Organ des Straßburger Münster-Vereins — 6.1912

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III.

Eine rätselhafte Skulpturengrappe an der Strassburger Münsterkanzel1.

Von Jos. Clauss, Stadtbibliothekar und Archivar in Schlettstadt.

Mit 5 Abbildungen und i Lichtdrucktafel.

Unser herrliches Münster bewahrt — trotz der
Zerstörungen früherer Jahrhunderte — rätselhafte
Bildwerke genug, an deren Deutung die Wissbegierde
phantasievoll sich versucht hat. Erinnern wir uns
an die Statuen des Herkules oder Kruzmannes, der
Bildhauerin Sabina, der angeblichen Tochter Erwins,
des Bäuerleins an der Gangbrüstung des südlichen
Querarmes, mehrere Friesskulpturen am Nordturm
usw. Ist es zu verwundern, dass Sage und Legende
sich an diese Bildwerke knüpft, da die Urkunden
darüber verstummen und uns wenig oder nichts von
ihrem Ursprung und ihrer Bedeutung berichten?

Unter diesen Skulpturen ist eine Gruppe, die
bisher nicht nur kaum beachtet worden, sondern
auch unaufgeklärt, rätselhaft geblieben ist, ich meine
die Gruppe an dem Stützpfeiler der Treppe
der Münsterkanzel. Allerdings teilt sie mit der
Kanzel das gleiche Schicksal. Denn seltsamerweise
ist diese noch keiner eingehenden Beschreibung,
Untersuchung und kunstgeschichtlichen Beurteilung
gewürdigt worden. Wahrscheinlich beruht diese
geringe Beachtung auf dem harten, ungerechtfertigten
Urteil Viollet-Le-Duc’s (Diction. d’architect. II, 412).
Er nennt sie «d’une richesse excessive, comme compo-
sition et ornementation d’un assez mauvais goüt».
Es ist meine Absicht nicht, die Nichtberechtigung
dieses Urteils zu beweisen oder eine Beschreibung
und Würdigung der Kanzel zu geben. Es sei mir
nur einleitend ein kurzer Ueberblick über ihre Ent-
stehung und Anlage gestattet.

Die Kanzel ist ein Werk des Münsterbaumeisters
Hans Hammerer; sein Originalriss von 1484 ist
im Frauenhaus noch erhalten. Sie wurde speziell
für den berühmten Domprediger Dr. Johannes Geiler
von Kaysersberg errichtet, der im Jahre 1478
berufen worden war. Bis dahin waren die Predigten
in der Pfarrkapelle St. Lorenz im nördlichen Quer-
arm gehalten worden. Geilers Reden fanden aber
so gewaltigen Widerhall, und es strömten so grosse

1 Als Vortrag in der « Gesellschaft für Erhaltung der

geschichtlichen Denkmäler im Eisass » am 16. Februar 1911
gehalten, hier nur etwas erweitert. Neu sind die Ausführungen

über Geilers Pilgerfahrten und -Predigten

Scharen herbei, dass er seinen Predigtstuhl in das
geräumige Mittelschiff verlegen musste, wo bisher
noch keine Kanzel sich befand. Dass sie auf direkte
Veranlassung des Ammeisters Peter Schott gefertigt
worden, wie ältere Schriftsteller und noch Kraus
schreiben, ergibt sich ebensowenig aus den urkund-
lichen Nachrichten, wie die Behauptung Strobels2
und anderer nach ihm, dass Geiler selbst die
Ideen zu dem Werke gegeben habe. Strobel beruft
sich auf Schad’s Münsterbüchlein3, doch sagt dieser
davon nichts. Trotzdem muss an der Tatsache fest-
gehalten werden, dass Geiler die allgemeine Idee
der bildnerischen Ausschmückung gegeben hat. Das
ergibt sich vor allem aus der Uebereinstimmung des
der Ausschmückung und Anordnung der Figuren
zu gründe liegenden Gedankens mit dem Ideenkreis
und den Predigtthemata Geilers.

I.

Der eigentliche Predigtstuhl, der auf einem
achteckigen Pfeiler und 6 Aussensäulchen ruht, trägt
vorn die grosse Kreuzigung Christi mit Maria und
Johannes, an den Pfosten, welche die mit Apostel-
statuen besetzten Doppelnischen trennen, stehen ganz
kleine Engelsfiguren, je 2 an einem Pfosten, im
ganzen 8, welche die Leidenswerkzeuge tragen.

Die Passion des Herrn bildet somit die Krone
aller Bildwerke der Kanzel und ihre Stellung oder
vielmehr Hervorhebung will besagen, dass in der
göttlichen Heilswahrheit, die von dem Predigtstuhl
aus verkündet wird, das Leiden Christi der Abschluss
der Erlösung der Menschheit ist. Es ist das dogma-
tische Fundament des christlichen Glaubens aus-
gedrückt durch die bildende Kunst. So allgemein
christlich diese Darstellung nun auch ist, so müssen
wir doch zugestehen, dass sie von Geiler beeinflusst
hier ihren Standpunkt erhalten hat.

3 Im Anhang zu Schreibers Münsterbeschreibung (1828)
S. 83.

3 Summum Argentoratensium templum d. i. Ausführliche
u. Eigendtliche Beschreibung dess Münsters etc. 1617, S. 32 f.
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