Straßburger Münsterblatt: Organ des Straßburger Münster-Vereins — 6.1912

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Abb. 24. Figurenfries unter der ersten Galerie der Südseite.

II.

Erwin von Steinbach.

Von Münsterbaumeister J. Knauth.
Mit 64 Abbildungen.

I. Teil.

Erwin von Steinbach! Kein Name wohl ist
inniger mit der Tradition mittelalterlicher Baukunst
verknüpft. In ihm verkörpert sich seit Jahrhunderten
der Typus des alten Werkmeisters, des Vertreters
einer längst verschwundenen Kunstweise, des so viel
geschmähten und so viel gepriesenen gotischen
Baustils.

Jahrhundertelang hatte der gotische Stil als
der vollendetste künstlerische Ausdruck christlichen
Geistes die Völker des Abendlandes beherrscht
Die neuen Ideale der italienischen Renaissance, die
erneut aufflammende Begeisterung für die Werke
klassischer Kunst hatten dann den Massstab für die
Beurteilung und die Wertschätzung der Werke der
Architektur verändert. Der gotische Formgedanke,
der früher die Geister geführt hatte, war in Ver-
gessenheit geraten, man begann die „ungeordnete
barbarische“ Kunst Erwins und seiner Zeit zu ver-
achten, so dass, was einst Filarete über die Gotik
sagen konnte1, schliesslich zum allgemein gültigen
Urteil geworden war. Und doch, ein Rest ahnungs-
vollen Staunens wie vor etwas Unbegreiflichem,
Übermenschlichen blieb angesichts der gewaltigen
Dome bestehen, jener riesenhaften Denkmale
grosser Vergangenheit, die unberührt vom Wechsel
der Zeiten und der Mode Jahrhundert nach Jahr-
hundert gleichmütig auf die Welt der kleinen
Menschen zu ihren Füssen herabschauten. Und so
lebte auch der Name Erwins im Dämmerlicht
flackernden Kaminfeuers auf den Lippen der Alten
weiter, die den Enkeln von ihm erzählten und von
seiner geheimnisvollen Kunst, von der Steinmetzen
Brauch und Handwerk, von gläubig frommer Be-
geisterung, von Gotteslohn und Teufelsspuck. War
Erwins Kunst auch fremd geworden, sein Name
blieb dem Volk vertraut als der Grössten einer.

Und ihm huldigte auch Goethe, als vor dem
gewaltigen Bau des Strassburger Münsters sich der
Genius des alten Werkmeisters ihm nahte; den

Manen Erwins von Steinbach widmete er seinen
begeisterten H3^mnus : Von deutscher Baukunst.

„Als ich auf deinem Grabe herumwandelte, edler
Erwin, und den Stein suchte, der mir deuten sollte:
Anno domini usw., und ich ihn nicht finden konnte,
keiner deiner Landsleute mir ihn zeigen konnte, dass
sich meine Verehrung deiner an heiliger Stätte er-
gossen hätte: Da ward ich tief in der Seele betrübt,
und mein Herz, jünger, wärmer, törigter und besser
als jetzt, gelobte dir ein Denkmal, wenn ich zum
ruhigen Genuss meiner Besitztümer gelangt wäre,
von Marmor oder Sandsteinen, wie ich’s vermögte.“

„Was braucht’s dir Denkmal? Du hast dir das
herrlichste errichtet, und kümmert die Ameisen, die
drum krabbeln, dein Name nichts, hast du gleiches
Schicksal mit dem Baumeister, der Berge auftürmte
in die Wolken. Wenigen ward es gegeben, einen
Babelgedanken in der Seele zu zeugen, ganz, gross
und bis in den kleinsten Teil notwendig schön, wie
Bäume Gottes; wenigen, auf tausend bietende Hände
zu treffen, Felsengrund zu graben, steile Höhen
darauf zu zaubern und dann sterbend ihren Söhnen
zu sagen : Ich bleibe bei Euch in den Werken

meines Geistes; vollendet das Begonnene in den
Wolken. Was braucht’s dir Denkmal und von mir !
Wenn der Pöbel heilige Namen ausspricht, ist’s
Aberglaube oder Lästerung. Dem schwachen Ge-
schmäckler wirds ewig schwindeln an deinem Koloss
und ganze Seelen werden dich erkennen ohne Deuter“.

Mit diesen herrlichen Worten ehrt Goethe den
Geist Erwins. Immer und immer wieder kehrt er
zum Münster zurück, im Sonnenglanz wie im Mond-
schein betrachtet er den Bau und schildert mit be-
geisterter Kraft den gewaltigen Eindruck, den
die Harmonie der Massen auf ihn machte. „Mit
welch unerwarteter Empfindung überraschte mich
der Anblick, als ich davor trat; ein ganzer,
grosser Eindruck füllte meine Seele, den, weil
er aus tausend harmonierenden Einzelheiten bestand,
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