Straßburger Münsterblatt: Organ des Straßburger Münster-Vereins — 6.1912

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flüchtiger Augenschein dies schon beweist, aus der Zeit
der Erbauung der Westfassade d. h. dem Anfänge XIV.
Jahrhunderts her. Nur die Köpfe und einige vorspringende
Teile, welche in der Revolutionszeit abgeschlagen worden
sind, dürfen als Restaurationen Vallastre’s bezeichnet
werden. Das was der Verfasser glaubt kritisieren zu
müssen: das „unglaublich Geringe“ bei der Darstellung
im Tempel, die „gequälte Kompositionslosigkeit“ der
anderen Streifen ist von Anfang bis zu Ende echte
gotische Originalschöpfung. Ob der Verfasser seine
herbe Kritik wohl auch in der gleichen Weise ausge-
sprochen haben würde, wenn ihm dieser Umstand be-
kannt gewesen wäre!

Der Schluss des Werkes bringt einige Nachträge
über vermeintliche Erwin-Bildnisse sowie einige bis jetzt
nicht behandelte Werke der Renaissance und des Barock.
Während bezüglich der ersteren der Verfasser mit Recht
die Neigung zurückweist in jeder nur einigermassen
individuell erscheinenden Skulptur ein Bildnis des Werk-

meisters, besonders Erwins zu finden, verfällt er zugleich
selbst in diesen Fehler, wenn er in einer ornamentalen
Arbeit, einem mit zwei Reihen kleiner Köpfchen besetzten
Säulchenkapitäl der nördlichen Turm wand Porträtdar-
stellungen des Meisters dieser Bauteile mit seiner Sippe
glaubt erkennen zu dürfen. Mit Bezug auf dieses Kapital
von einer „Entdeckung“ sprechen zu dürfen, trifft in
sofern nicht zu, als ein Abguss dieses Kapitals bereits
seit Jahrzehnten in den Sammlungsräumen des Frauen-
hauses vorhanden war, ein Umstand, der dem Verfasser
übrigens bekannt war. Ausser dieser kleinen Arbeit
sind aber am Münster noch eine ganze Reihe figürlicher
Darstellungen in ornamentaler Anordnung vorhanden,
welche, wenn es sich um die Aufzählung von Nach-
trägen handelt, nicht unerwähnt hätten bleiben dürfen.
Alles in Allem kann die Arbeit als eine erfreuliche nicht
bezeichnet werden.

J. Knauth.
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