Waagen, Gustav Friedrich
Kunstwerke und Künstler in England und Paris (Band 2): Kunstwerke und Künstler in England — Berlin, 1838

Page: 239
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Religiöse Bedeutung von Kunstwerken. 239

verehrten geistlichen Herrn, beide aus London. Die
einfache, anspruchslose und doch gebildete Weise,
welche in diesem Hause herrscht, liefs es mir bald
ganz traulich zu Muthe werden. Ueber Tisch kam
das Gespräch auf die künstlerische Behandlung reli-
giöser Gegenstände und die Zulässigkcit solcher Kunst-
werke in den Kirchen. Der Geistliche trat sehr ent-
schieden gegen Beides auf, und meinte, dafs die Kunst
nur unwürdige Vorstellungen von solchen Gegenstän-
den zu erwecken pflege. Ich hätte gern über dieses
Capitel eine Lanze mit dem würdigen Herrn gebro-
chen , da ich mich aber in der englischen Sprache
noch immer so schwerfällig bewege, wie ein alter
Rittergaul im coupirten Terrain, äufserte ich blofs,
wie ich doch nicht finden könne, dafs Raphael in
seinen berühmten Cartons eine unwürdige Vorstel-
lung von den Aposteln erwecke. Zufrieden, dafs
mein Gegner dieses nicht zu leugnen wagte, über-
liefs ich die fernere Vertheidigung der kirchlichen
Kunst Herrn Collins, welcher sie auch mit Wärme
führte und darin von dem übrigens streng religiös
gesinnten Sir Thomas unterstützt wurde. Zu einer
Art von Genugthuung für mich theile ich indefs we-
nigstens Dir einige der verhaltenen Bemerkungen mit,
welche sich bei dieser Gelegenheit mir aufdrängten.

Es gehört zu den beliebten Gemeinplätzen, dafs
den Protestanten vermöge ihrer Religionslehre eine
bildende Kunst von kirchlichem Character versagt
sei. Wäre dieses wirklich der Fall, so befanden sie
sich gegen die Katholiken in einem grofsen Nach-
theil. Denn weit entfernt, die Religion zu entwei-
hen, bietet die bildende Kunst eins der wichtigsten
Büttel dar, um in den weitesten Kreisen das
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