Weinbrenner, Friedrich
Architektonisches Lehrbuch (Band 1): Geometrische Zeichnungslehre, Licht- und Schattenlehre — Tübingen, 1810

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ERSTES KAPITEL.

ÜBER DEN GANG DER SONNE,

IN HINSICHT AUF LICHT UND SCHATTEN,
UND ÜBER BELEUCHTUNG ÜBERHAUPT.

Erklärung. Ohne das Universum, und mit diesem die beständige Umdrehung der Erde um ihre
Achse, in Betrachtung zu ziehen, ist es hinlänglich, wenn der plastische Künstler für die Lehre von Licht
und Schatten annimmt, dass die Sonne in Osten auf-, in Westen untergehe, und dass sie sich auf diese
Weise alle 24 Stunden um die Erde bewege. Den scheinbaren Kreis, die Peripherie ihres Laufes, kann
man daher eintheilen in 24 gleiche Theile. Ein solcher Theil bezeichnet den Sonnenlauf von einer Stunde,
und zwölf derselben die Tages- oder Nachtlänge. Inzwischen bewegt sich bei uns die Sonne in dem Herbst
jeden Tag scheinbar etwas weiter gegen Süden, in dem Frühjahr wieder von dort zurück, gegen uns.
Daher hommt es, dass in dem Sommer, wenn die Sonne Mittags am nächsten bei unserm Zenith steht, die
Tage länger, in dem Winter, wenn die Sonne am weitesten von unserm Zenith entfernt ist, kürzer als 12
Stunden sind. Zu der Zeit dieser beiden Extreme, verweilt die Sonne am längsten, oder kürzesten, über
unserm Horizont, und nur in der Mitte zwischen beiden Extremen, in der Zeit des Aequinocliums kann
die Tages - und Nachtlänge gleich seyn.

Nur einer gehörigen Vorstellung von dem Gang der Sonne überhaupt, bedarf der Künstler, um
alle Aufgaben von Licht und Schatten mathematisch richtig lösen zu können. Er nehme bloss an, dass sich
die Sonne alle 24 Stunden einmal um die Erde bewege; dass sie, ihre uns sichtbare Laufbahn, im
Durchschnitt in 12 Stunden über dem Horizont, in andern 12 Stunden aber, den unter demselben gelegenen
Halbkreis durchlaufe. Für genauere Bestimmung dieser Laufbahn ist noch zu merken, dass die beiden
Scheidepuncte der Sonne an unserm Horizont, SonnenAufgang und SonnenUntergang, hingegen der Punct,
wo uns die Sonne bei Tage am höchsten ist, Mittag, der entgegengesetzte Punct Mitternacht sey, weil diese
beiden letzten Puncte den Kreislauf der Sonne in zwei gleiche Theile theilen.

Zu gehöriger Uebersicht dieses Laufs der Sonne, betrachte man Fig. I. Tab. VII. Hier ist in a die
Erde als ein Punct, der Umlauf der Sonne, als ein Kreis angenommen, dessen Mittelpunct a, und dessen
Durchmesser b c ist. Der Durchmesser kann hier von willkührlicher Grösse gedacht werden; denn die
Entfernung der Sonne kann man sich immer proportionirt denken mit dem Durchmesser der Erde, diesen
hier als Punct angenommen. Wohnten wir auf der Erde a, so dass uns bei der Tages- und Nachtgleiche
die Sonne in N auf -, und bei S untergienge, und dass uns dieselbe am Mittage am Zeniih bei b slünde; so
Würde sie Morgens um 6 Uhr bei Naufgehen, in ihrem Kreislauf die gleichen Theile von 6 bis 7, von7bis 8
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