Wiegand, Theodor
Siebenter vorläufiger Bericht über die von den Königlichen Museen in Milet und Didyma unternommenen Ausgrabungen — Berlin, 1911

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Th. Wieg and:

scheint (Mitte 2. Jahrhunderts, vgl. Ziebarth, Eudemos von Milet, S. 14),
so kamen 18 000 Drachmen Zins ein. Den Preis eines Medimnos Getreide
kann man im 2. Jahrhundert v. Chr., da der Staat billig einkaufte, mit
4 Drachmen annehmen wie zu Priene; vgl. v. Hiller, Inschr. v. Priene,
Nr. 108, 46 (nach 129 v. Chr.). Dann konnten 9000 Portionen zu 6 Hemi-
hekten gekauft werden, und es ergäben sich ebensoviel milesische Bürger.
Waren auch nur 3/4 davon Getreideempfänger — denn nicht jeder, sondern
vorwiegend der ärmere wird von seinem Recht Gebrauch gemacht haben —
so erhalten wir 6 750 bürgerliche Haushalte, die mit Einschluß des Ge-
sindes im Durchschnitt auf mindestens zehn Köpfe berechnet werden dürfen;
das ergibt rund 70000 Menschen ohne die Familien der Nichtbürger und
ohne die fluktuierende Bevölkerung der Hafenquartiere und der cynoikiai,
die in der großen Handelsstadt zweifellos nach Tausenden zu schätzen ist.
Man kommt damit auf einen Bevölkerungsstand, wie ihn z. B. Bremen,
Köln, Frankfurt a. M. noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts kaum hatten,
und darf unter Zurechnung der Landkreise, jedoch ohne die milesischen
Inseln, die Gesamtzahl wohl gegen 100000 schätzen'.

IX. Das römische Bad am Fuße des Humetepe (Taf. II) und die Faustinathermen

(Taf. III).

Die nach Süden orientierte Badeanlage am Humetepe ist der beste
bisher aufgedeckte Vertreter einer Therme mit strengem Haustypus, wie
er durch die Peristyle griechischer Wohngebäude und vor allem durch die
griechischen Gymnasien vorgebildet war'2. Die Anlage ist symmetrisch.
Von den Säulenkapitellen hat sich nichts mehr gefunden, dem Stil der
Zeit nach sind in der Aufrißzeichnung von Gerkans korinthische Kom-
positkapitelle angenommen. Sämtliche fünf Räume im Norden waren mit
Hypokausten versehen und wurden geheizt von dem langen, schmalen,
sich nördlich anschließenden Raum aus, wo sich die Brandasche der drei
Präfurnien gefunden hat. Diese heizten die drei mittleren Räume. Man

1 Anders Beloch, Bevölkerung usw., S. 228, der für Milet im 2. Jahrhundert v. Chr.
nur von mehreren Tausend Bürgern spricht.

2 Über die Typen der Thermen hat zusammenfassend gehandelt E. Pfretzschner,
Die Grundrißentwicklung der römischen Thermen, Straßburg 1909; Haustypus: S. 21 ff. Die
literarischen griechischen Nachrichten hat neuerdings W.H.Ohr, van Esveld zusammen-
gestellt, De balneis lavationibusque Graecorum, bes. S. 142 ff.
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