Wiegand, Theodor
Siebenter vorläufiger Bericht über die von den Königlichen Museen in Milet und Didyma unternommenen Ausgrabungen — Berlin, 1911

Page: 38
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/wiegand1911/0038
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
38

Tu. Wieg and:

II X ':

II. Die Weihgeschenkterrasse (Taf. IV).

Die Terrasse beschreibt um die Ostfront des Apollotempels einen gro-
ßen Kreisbogen. Dieser ist an der Nordostecke flach gestreckt und tritt bis
auf 4 m an die Tempelecke heran, an der Südostecke ist die Biegung und
der Abstand (14 m) stärker. Die Stützmauer der Terrasse, aus Kalkstein
in sorgfältig glatt behauenen Quadern gefügt, war etwa 2J/2 m hoch. Der
von der heiligen Straße längs der Nordseite herankommende Pilger stand
also, wenn er vor die Ostfront kam, höher als der Stufenbau des Tem-
pels. Vier Treppen von 2lj2 m Breite führten in den tieferen Bezirk herab.
In der Mitte der Ostfront beträgt der Abstand der Stützmauer von der
untersten Tempelstufe etwa 24 m.

Es ist kein Zweifel, daß diese Stützmauer nebst den Treppen der
archaischen Periode des Heiligtums angehören, das beweist ein Blick
auf die wiederaufgebaute Stelle mit ihrem großen altionischen Blattstab als
Mauerabschluß (Fig. 14). Solche Glieder haben sich in verschiedenen Stücken
zu Füßen der eingestürzten Mauerteile gefunden (vgl. Taf. V, Vordergrund).
Auch die Terrasse selbst hat sich als Trägerin von Resten der archaischen
Zeit erwiesen, wenn diese auch in spärlicher Weise auf uns gelangt sind;
ich erwähne die lange, auf dem Plan (Taf. IV) mit schwarz ausgefüllten
Linien gezeichnete Halle, über deren Kalksteinfundamente, Orthostaten und
schwalbenschwanzförmige Klammern schon im vorigen Bericht (S. 34) Mit-
teilung gemacht wurde; seitdem ist ihre Gesamtausdehnung auf 34,50 : 7 m
festgestellt worden. Diese Maße sind wegen der starken Zerstörung und
Verschiebung der Reste nur annähernd genau. Ferner stand ein archai-
sches G-ebäude gegenüber der Südostecke des Tempels. Es ist noch schlech-
ter als das vorige erhalten.

Ich erwähne bei dieser Gelegenheit, was sich sonst an archaischen
Funden, namentlich vor der (Xstfront neu ergeben hat. Es sind Reste von
Kolossalfiguren, z. B. ist eine Zehe von 16 cm Länge vorhanden, ferner große
Fragmente von Buckellocken. Der Fußrest einer anderen Kolossalgestalt
zeigt eine Zehenlänge von 9 cm; es fanden sich ferner der Torso eines halb-
lebensgroßen bekleideten Mannes und die Füße einer langbekleideten lebens-
großen Figur mit roten Schuhen, auch das Bruchstück eines spätarchaischen
kleinen Nymphenreliefs, mit den unteren Partien zweier tanzenden Nymphen
und eines bocksfüßigen Pans. Bei diesem Anlaß möchte ich die Vermutung
loading ...