Zeitschrift für christliche Archäologie und Kunst — 1.1856

Seite: 146
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146 ÜBER DIE MITTELALTERLICHE KUNST IN BÖHMEN UND MÄHREN.

und Thon beschreiben, welche andern im nördlichen Europa an's Licht gebrachten ganz
ähnlich sind. *) Ebensowenig ist hier in die mythischen Sagen einzugehen, nach welchen
Libussa in der väterlichen Burg Wyssehrad einen fürstlichen Hof gehalten, eine neue Burg
auf dem Hradschin erbaut und die Stadt Prag soll gegründet haben, wie dieses, auf das
romantischste ausgeschmückt, von Hagek in seiner Chronik von 1541 erzählt wird. Denn
erst mit der Einführung des Chrislenthums wanderten zugleich auch Wissenschaft und Kunst
in Mähren und Böhmen ein, welche damals allein von jenen Mönchen gepflegt wurden, die
zugleich den hohen Beruf christlicher Apostel ausgeübt. Dieses geschah zu Anfang des IX.
Jahrhunderts in Mähren und etwas später in Böhmen. Ein Monument jener Zeit hat sich
in diesen Ländern nicht erhalten, jedoch können wir annehmen, dass die damals
errichteten Kirchen, wie z. B. die zu Nitra in Mähren, im Jahr 863 von dem Salzburger Erz-
bischof Adalrum eingeweiht, den gleichzeitigen in Deutschland ähnlich waren. Nach diesen
Bemühungen um die Ausbreitung des Christenthums von Deutschland aus, haben zwei by-
zantinische Mönche mit noch grösserem Erfolge darin gewirkt, nämlich der gelehrte Cyrill,
Erfinder eigener Schriftzüge für die slavischen Idiome, und der Maler Method, beide Söhne
des Patriciers Leo von Thessalonich in Macedonien. Sie errichteten nach 860 viele Kirchen
in Böhmen, besonders nach der ums Jahr 871 erfolgten Taufe des böhmischen Herzogs
Bofiwoy I. und dessen Gemahlin, der heiligen Ludmila.

Es scheint nicht, dass sich in Böhmen noch Gebäude jener Zeit erhalten haben. In-
FlS- 20- dessen werden einige ganz kleine runde Kapellen in Prag als

§ solche bezeichnet; nämlich die dem h. Clemens gewidmete Ka-
pelle auf dem Wyssehrad, welche Herzog Bofiwoy, der von 871
bis 894 regierte, erbaut haben soll; sodann die h. Kreuzka-
pelle in der Postgasse der Altstadt und drittens die Kapelle
des h. Longinus gegenüber dem Glockenthurme der Pfarr-
oder St. Stephanskirche, jetzt im Besitz eines Privatmannes, und
von der die Sage geht, dass sie ursprünglich ein heidnischer
Tempel gewesen. Alle diese Kapellen**) sind unter sich ganz ähn-
lich im Plan und im Baustyl; es sind Rundgebäude mit einem
Rundkapeiie in der Poslgassc zu Prag, halbkreisförmigen Ausbau für die Stelle des Altars. Ueber dem

*) S. Joh. Erasmus Wocel, Grundzüge der böhmischen Altertimmskunde. Prag, 1815.
**) Abbildungen davon befinden sich in Wocel's schon angeführtem Werk, sodann in den Mittheilungen von Mertens
über Prags Bauwerke in der Wiener allgemeinen Bauzeitung, 1845, Taf. DCXLVII, wo jedoch die Kapelle auf dem Wyssehrad
als dem h. Martin geweiht angegeben wird und die n der Postgasse als die Bethlehemskapelle; endlich in den „Abbildungen
romanischer Bauwerke in Böhmen", von F. Lorenz, welche Anton Schmitt im Jahr 1853 herausgegeben hat, und woraus wir
den obigen Grundriss der Kapelle in der Postgasse entnommen haben. — Schnaase (Kunstgesch. IV, 2, 150) glaubt, dass diese
Rundbauten , die er dem XI. und XII. Jahrh. zuzuschreiben geneigt ist, für Grabkapellen zu halten sind, und dieselbe Ansicht
haben v. Sacken (die röm. Stadt Carnuntum. S. 10) und Melly (Oesterr. Blätter für Literatur und Kunst, 1854. Nr. 19) ausge-
sprochen. Nach den neuesten Untersuchungen Heider's (Mitth. der k. k. Centralcommission, I. April S. 53 ff.) indess zerfallen
dieselben ihrer Bestimmung nach in drei Klassen: Grabkapellen (insofern sie mit einem unterirdischen Räume — Carnarium —
verschen sind), Taufkapellcn (unter dem Titel Joh. Bapt.) und Pfarrkirchen auf Dörfern (insofern sie isolirt, d. h. nicht in
der Nähe einer anderen Kirche vorkommen).
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