Zeitschrift für christliche Archäologie und Kunst — 1.1856

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Die Münsterkirche in Essen.

hs giebt wenige Kirchen in Deutschland, welche ein so bedeutendes archäologisches
Interesse haben, wie die Münslerkirche in Essen. Die Kirche selbst und deren Zubehör
zeigen eine Zusammenstellung von Architekturen sehr verschiedener Jahrhunderte, deren
ältere noch die Reste von Bauten aufbewahren, die zu den eigenthümlichsten derartigen
Anlagen gehören und unter den Incunabeln der deutschen Baukunst eine hervorragende Stel-
lung einnehmen.

Von dem Haupttheile der Kirche kann man dieses aber nicht behaupten.*) Das
gothische Langhaus zeigt drei gleich hohe Schiffe von 40 Fuss Höhe, das Mittelschiff 27
Fuss, die Seitenschiffe jedes nur 12 Fuss breit, das Ganze 5 Joche**) lang. Es folgt gegen
Osten ein spätromanischer Kreuzbau, dem auch das darauf folgende Gewölbe gleichzeitig
ist. Zuletzt schliesst das gothische Altarhaus den Bau gegen Osten ab, durch zwei etwas
einwärts gestellte Rundsäulen nach Innen eine Art Polygon darstellend, während die Gewölbe
seitwärts und dahinter den hiedurch sehr unregelmässig gebildeten Raum bis zur viereckigen
Umschliessung hin in wenig organischer Weise ausfüllen.

Die Anlage aller dieser Bautheile würde die Münsterkirche zu Essen nicht über das
Niveau der Mehrzahl gewöhnlicher Kirchen erheben. Auch die Architektur derselben, wenn
sie auch im Ganzen edle Profile zeigt, vermag dieses Urtheil nicht wesentlich zu modificiren,
um so weniger, als ein Theil derselben, wie namentlich das Maasswerk aller Fenster, im
Laufe der Zeit zu Grunde gegangen ist. Von grösserem Interesse ist es aber schon, dass
sich der Kirche gegen Westen ein Vorhof, und diesem eine zweite Kirche in organischer
Weise vorlegt. Auch diese zeichnet sich in keiner Weise aus, Das nur drei Joche lange
Kirchlein mit seinen drei gleich hohen Schiffen bietet noch weniger Ausgezeichnetes dar,

*) S. den Grundriss der Kirche und ihrer Umgebungen auf Bl. I. Die verschiedenen Zeiten angehörigen Theile
sind verschiedenartig schraffirt, die ältesten am dunkelsten.

**> Ich werde mich hier und künftig dieses Wortes für denjenigen architektonischen Begriff bedienen, welchen
wir bisher mit dem sehr treffenden französischen Ausdrucke trauee bezeichneten. Es war sonst fast nur im Brückenbau
üblich, entspricht aber dem Begriffe der einzelnen sich wiederholenden Abtheihingen eines jeden langgestreckten Bauwerks
durchaus. Ich empfehle es deshalb zur allgemeineren Einführung in unsere architektonisch-archäologische Literatur.
1856. j
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