Zeitschrift für christliche Archäologie und Kunst — 1.1856

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Ueber die mittelalterliche Kunst in Böhmen und Mähren.

Bei dem vor Jahren lebhaft erwachten Nationalgefühl der Czechen wendeten sich
dieselben auch mit erneutem Eifer dem Studium ihrer Alterthümer zu und fanden Spuren
einer ihnen eigenthümlichen Kunsthlüthe, die sie enthusiastisch begrüssten. Von diesem
Rufe gelockt, besuchte ich im Jahre 1849 Böhmen und Mähren, um durch Selbstanschau-
ung und Forschungen eine sichere Kenntniss hierüber zu erlangen. In Brunn, Olmütz,
Kullenberg gewann ich manchen Aufschluss, besonders aber in Prag, der herrlich gelegenen
Hauptstadt Böhmens, deren Menge und Pracht an Kirchen und Palästen, so wie die schöne
Moldaubrücke, welche den altern Theil Prags und den einst so glänzenden, nun veröde-
ten Wyssehrad mit der Neustadt und seinem hochgelegenen Hradschin verbindet, einen wahr-
haft zauberischen Beiz gewähren. Beim ersten Anblick dieser ehemaligen kaiserlichen Be-
sidenz offenbart sich sogleich, wie gross der Glanz des Hofes, die Pracht eines reichen
Adels und die Kraft eines freien Bürgerthums, neben einer reichlich ausgestalteten Geistlich-
keit, muss gewesen sein. Dennoch wurde diese Stadt, wie überhaupt das ganze Land, der
meisten mittelalterlichen Zierden beraubt, als in Folge von Bürgerkriegen und Neuerungssucht
viele der durch grosse Erinnerungen geheiligten Werke der Kunst der Zerstörung im 15.
Jahrhundert anhcim fielen. Es kann daher jetzt ein nur sehr fragmentarisches Bild der
mittelalterlichen Kunst in Böhmen und Mähren gegeben werden, was jedoch hier so um-
fassend als möglich zu entwerfen versucht werden soll.

Ueber die Baukunst in Böhmen und Mähren.

Es liegt ausserhalb der mir liier gestellten Aufgabe, in die heidnischen Zeiten zu-
rückzugehen, um Nachforschungen über den längst zerstörten Tempel der alten Czechen
auf dem Wyssehrad anzustellen, von dem Palacky ein sehr anschauliches Bild entworfen
hat;*) noch will ich die in Gräbern gefundenen Gerätbschaften von Stein, Bronze, Eisen

*) S. Palacky, Geschichte von Böhmen, I. S. ISO. Er sagt davon: „Was einst Arkona und Rhetra den Nord-
slaven gewesen, das war den Böhmen ohne Zweifel das heilige Wyssehrad, — die Hauplstätlc der Götterverehrung im Lande,
mit Tempel, Götzenbildern und Priesterschaft. Die Haupttempel der Slaven, zierlich von Holz gebaut, bestanden gewöhnlich
aus einem äussern und einem innern Theil. Die hölzernen Wände des äussern Theils waren voll Schnitzwerk; der innere
Theil aber ruhte auf Säulen und war, anstatt der Wände,, mit Tüchern behängt. Im Innersten stand das Götzenbild, ko-
lossal wenn von Holz, klein, auf besonderem Gestell, wenn von Metall; andere kleine Bilder wurden der Reihe nach aufge-
stellt. Ausser den Opfergeräthen und den heiligen Kriegsfahnen füllten noch die erbeuteten Schätze und Waffen der Feinde,
welche den Göttern zum Opfer gebracht waren, die Tempel. Das Innere durfte nur von den Priestern betreten werden;
und auch diese hielten aus Ehrfurcht den Athem an sich, wenn sie sich in der Nähe ihres Gottes befanden. Im äussern
Tempel stellte man den ganzen Rcichthum und die Pracht des Volkes zur Schau aus; denn zur Unterhaltung und zum
Schmuck desselben musste das ganze Land bestimmte Beiträge leisten. Ausser dem Haupttempel des Landes, gab es auch
besondere Tempel in dem Hauptorte einer jeden Zupa, zu deren Unterhaltung die Zupa allein verpflichtet war. Die meisten
standen inmitten der Kastelle auf offnen Plätzen, von heiligen Bäumen beschattet; andere wurden in Hainen angelegt, welche
mit den Kastellen zusammenhingen."

1850. 19
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