Zeitschrift für christliche Archäologie und Kunst — 1.1856

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MANNICHFALTIGES.

I. Kleinere Aufsätze und Notizen.

1. Reliquienschrein zu Mettlach.

Nach einer gefälligen MUtheilung des Herrn v. Cohausen, Königl. Ingenieur-Hauptmanns zu Coblenz.

Die an den überaus malerischen Ufern der Saar in einer sanften Tlialverbreiterung belegene
uralte Benedictiner-Abtei Mettlach, eine Stiftung des h. Luitwinus am Ende des VN. Jahrhunderts, fiel
der ersten französischen Revolution zur Beute: die Bibliothek, Kunstschälze und Reliquien wurden ver-
schleudert, Güter und Gebäude getrennt und versteigert, bis das vormalige Kloster durch mehrere Hände
im J. 1811 in die des jetzigen Besitzers, Herrn Böen, kam und mit seinen, dem vorigen Jahrhundert
entstammenden palasiahnliclien Hauptgebäuden in eine ansehnliche Steingutfabrik umgewandelt wurde.*)
Aus der ehemaligen Bibliothek ist Einiges in die von Trier, Paris und Bonn übergegangen, namentlich
mehrere aus der Zeit um 1070 stammende Handschriften zur Geschichte des h. Luitwinus. Ein Char-
tularium, von dem Abte Thilmann zu Mettlach 1488 zusammengestellt, befindet sich im Provinzial-Archiv
zu Trier, so wie eine Sammlung von Urkunden und Weislhümern aus späteren Zeiten.**)

In einer Rauchkammer versteckt, fand man nach langer Zeit noch einige Reliquiarien vor: zwei
in vergoldetem Silberblech getriebene Arme, mit segnender Hand, in natürlicher Grösse, auf Untersätzen
aufrecht stehend und mit Reliquien gefüllt, aus dem XV. Jahrhundert. Ferner einen kesseiförmigen Becher,
5" hoch, 6" weit, welcher aus dem Abschnitt einer Kokosnuss besteht und, mit silbernen Rand- und
Bodenreilen beschlagen, auf drei silbernen Adlerfangen ruht. Die Reife tragen die Inschrift: f in hoc
vasculo bealus Luitwinus arekiepiscopus trevirensis bibere solebat f qui fuit fundator hujus monasterii.
Ausser diesen Gegenständen wird noch ein durch Alter und Kunstwerth gleich ausgezeichneter Reli-
quienschrein aufbewahrt, von welchem wir eine ausführliche Beschreibung folgen lassen.

Dieser Schrein stellt einen viereckigen, 14\jz" hoben, 11" breiten, 3'/'2" tiefen Kasten dar,
dessen vordere Seite sich nach Art der Triptycha in zwei Tbüren öffnet, die sich so aufschlagen, dass das
Innere des Kastens und der Tbüren in eine Ebene fällt. Die Mitte des Schrankes nimmt in Gestalt
eines Kreuzes mit zwei Querbalken die Umschliessung eines nicht mehr vorhandenen Partikels des heil.
Kreuzes ein, umgehen von kleinen Behältern mit den Reliquien verschiedener Heiligen, während die in-
neren Flächen der Tbüren in hochgetriebener Arbeit aus vergoldetem Messing die Bilder der Patrone
des Klosters, S. Petrus und S. Lutwin tragen. Der Kern des Kastens selbst besteht aus Eichenholz, ist

*) Die im Garten der Fabrik befindliehe Ruine einer Polygonalkirche ist aus Chr. W. Schmidt's Baudenkmalcn
in Trier, Lief. 3 im Allgemeinen bekannt; Herr v. Cohausen stellt uns eingehendere Mittheilungen in Aussicht.

**) Von der ganzen Sammlung hat Herr Bocn durch Herrn Sternberg eine Abschrift nehmen lassen, und aus
derselben ist die Mehrzahl der zur Erklärung des merkwürdigen Reliquienschreins weiter unten benutzten geschichtlichen
Notizen entnommen.
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