Zeitschrift für christliche Archäologie und Kunst — 1.1856

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242 ÜBER DIE MITTELALTERLICHE KUNST IN BÖHMEN UND MÄHREN.

gleich am Körper des Christus sich schon das Bestreben der anatomischen Kenntniss be-
merklich macht. Der Faltenwurf, wenn auch nicht mehr rundlich geschwungen, ist jedoch
noch nicht eckig gebrochen, wie es in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts allgemein
gebräuchlich wurde.

Ein grösseres Interesse erregen einige Miniaturen in Compilationen deutscher und
böhmischer Rechtsbücher vom Jahre 1446 im Stadtarchiv zu Brunn, indem sie Begeben-
heiten aus dem Leben darstellen, die mit Frische uns die nationeilen damaligen Gebräuche
versinnlichen. So sehen wir hier iri einem solchen Rechtsbuch, Nr. 4 bezeichnet, auf dem
ersten Blatt den Kaiser auf seinem Thron, und auf dem zweiten Wenzel, den König von
Böhmen. Das dritte Blatt zeigt uns eine Rechtsbesprechung versammelter Bauern aus Schi-
benitz, oder wie sie hier genannt wird, eine „ustia de Schibnicz peliserunt."*) Die zwar
nicht sehr feine Zeichnung hat jedoch etwas sehr naives und daher anziehendes. Die letzte
der Miniaturen, S. 219, stellt Ottokar, Markgrafen von Mähren, dar, wie er auf einem
Throne sitzend, ein Schwert mit der Rechten erhebt. Die Carnation ist sehr dünn gemalt,
und von heller Farbe.

Dieselbe Behandlung, wie die vorerwähnten Minialuren, zeigen auch 12 Initialen in
einem Codex des Brünner Stadtrechts, in demselben Jahr 1446 zusammengestellt durch den
Stadtschreiber Wenceslaus, Sohn des Wenceslaus von Iglau; darin befindet sich auch die
Darstellung einer der obigen ähnlichen Rechlsbesprechung der Bauern von noch lebendige-
rer Zeichnung. Hier sehen wir zwölf Männer mit zum Eid erhobener Rechten um einen
Tisch stehen; einer von ihnen hält ein Schwert. Ueber ihnen sitzt in einer Mandorla der
Heiland, zwei Engel zu den Seiten halten Spruchzettel mit der Inschrift: Juste indicate
filii hominum. Unten, oder vielmehr bei der Bank, ist der sitzende Schreiber in seinem
Geschäfte dargestellt, eine echt mährische Physiognomie, wie denn hier alle Köpfe höchst
Rationelle, charakteristische Porlrails sind.

In Mähren scheint im XV. Jahrhundert die Miniaturmalerei überhaupt mit besserm
Erfolg als in Böhmen ausgeübt worden zu sein. Hiefür giebt ein Missale von 1483 in der
Bibliothek des Klosters Strahow in Prag ein sprechendes Zeugniss, welcher Pergament-Codex
sich ehedem im Kloster Brück an der Leida in Mähren befand. Darin ist zu Anfang eine
grosse Initiale von besonderer Schönheit, in welcher der h. Gregor im Pontificalkleide an einem
Pult schreibend abgebildet ist. Im Rande kniet ein Geistlicher, dessen Namen auf einem
Papierstreifen mit Gold geschrieben also lautet: „Frater Benedichis canonicus ecclesiae Lu-
censis," wohl der Verfasser des Werks. Der grossarlige Faltenwurf ist eckig gebrochen.
Die Schatten der Carnation haben einen grünlichen Schein, was wohl von der Untermalung
mit grüner Erde herrührt. Der Rand ist mit schönen grossblumigen Verzierungen ver-
sehen. Weitere 44 Initialen mit mehr oder minder reicher Ausschmückung enthalten einige

*) Nach altem Gebrauch besprachen die Bauern den vorliegenden Rechtsfall mit ihren Aeltesten und fassten dann
eine Entscheidung, welche jedoch, um gültig zu sein, von dem Gericht in Briinn bestätigt weiden musste.
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