Zeitschrift für christliche Archäologie und Kunst — 1.1856

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ÜBER DIE MITTELALTERLICHE KUNST IN BÖHMEN UND MÄHREN. 249

Gmünd beim Bau der Kirche zu Kuttenberg angewendet. Im XVI. und XVII. Jahrhundert
waren es hauptsächlich italienische Architekten, welche die damals errichteten Paläste in Prag
ausführten. Von einem national czechischen Baustyl zu irgend einer Zeit haben wir keine
Spuren auffinden können.

Die Bildhauerkunst in Böhmen durchlief im Allgemeinen dieselbe Entwicklung, die
in dem übrigen christkatholischen Europa zur Erscheinung kam. Indessen ist anzuerkennen,
dass hier schon im XII. Jahrhundert ausgezeichnete Sculpturen sind ausgeführt worden, und
dass selbst das Gepräge der Münzen eine für jene Zeit seltene Ausbildung erhielt, welche
als eine eigentümlich böhmische darf betrachtet werden. Nicht minder ausgezeichnet sind
die Bildwerke aus dem XIV. Jahrhundert unter Kaiser Karl IV. Namentlich ist die Bronze-
gruppe des H. Georg ein sehr schönes und originelles Werk, dessen Meister Martin und
Georg Clussenbach jedoch deutschen Ursprungs zu sein scheinen. Auch später bis in das
XVI. Jahrhundert sehen wir deutsche Künstler die wichtigsten Werke für Prag ausführen,
wobei wir nur an Matthias Beyseck und Alesander Kolin aus Nürnberg erinnern wollen.

Wahrhaft national erscheint in Böhmen dagegen die Malerkunst vom« XI. bis XV.
Jahrhundert. Belege hiefür fanden wir hauptsächlich in den Miniaturen, von denen die vom
Domherrn Benesch aus dem Anfang des XIV. Jahrhunderts und noch in höherni Grade die
des Sbisco de Trotina nach Mitte desselben Zeitraums zum Ausserordentlichsten gehören,
was damals in Europa überhaupt in dieser Art entstanden ist. Aus einer böhmischen Kunst-
schule sehen wir auch den Meister Theodorich von Prag hervorgegangen, und tragen die
Malereien seiner Vorgänger und besonders die seinigen ein sehr eigenlhümliches und natio-
nales Gepräge. Wie sehr jedoch die deutsche Kunst auch neben der der Czechen in Böh-
men geblüht, zeigen nicht nur einige der gleichzeitigen Werke deutscher Maler, sondern
geht noch entschiedener aus dem Umstände hervor, dass die Satzungen der Künstlerzunft
in Prag ursprünglich und noch lange Zeit hindurch nur in deutscher Sprache abgefassl
waren. Endlich haben wir gesehn, wie nach dem Tode Karls IV. durch die von Wenzel
verursachten Verwirrungen und durch die Verwüstungen im Hussitenkrieg die Kunst in Böh-
men in den traurigsten Verfall gerieth und später nur durch den Einfluss von Deutschland
aus sich wieder in etwas erheben konnte; unter Rudolph II. selbst fast ausschliesslich durch
ausländische Künstler ausgeübt wurde. Eine eigentliche czechische Kunstblülhe kam nicht
mehr in Aufnahme, und konnte es um so weniger, als das politische Verhältniss des Landes
kein unabhängiges, nationales Leben mehr begünstigte.

J. D. Passavant.

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