Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 28.1903

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ERNST PFUHL
bern und Urnen zu beurteilen sind: es sind Reste des beim
Totenopfer vor der Beisetzung, vielleicht auch bei der Verbren-
nung benutzten Geschirres. Um von einem Leichen mahl stam-
men zu können, ist es nie zahlreich genug ; dagegen finden sich
grade die Gefässe, welche zum Opfer bezw. zur Spende erfor-
dert wurden : grosse Amphoren, Mischkessel, Näpfe und Schalen
sowie Salbfläschchen L
Dass es zwar üblich, aber keineswegs Pflicht war, die beim
Totenopfer verwendeten Gefässe dem Gebrauche der Lebenden
zu entziehen, lehrt die Opfervorschrift von Keos (.Athen. Mitt.
1876 S. 143). Auch die Theräer werden wenigstens die grossen
Gefässe nicht immer zerschlagen haben ; darauf führt auch der
Befund der Opfergruben, die mit wenigen Ausnahmen nur Scher-
ben kleiner Gefässe enthielten. Dass sie es bisweilen thaten,
geht aus eben jenen Ausnahmen und aus den Scherbenfunden in
den Gräbern hervor. Aber grade diese Bergung der Scherben
in den Gräbern veranlasst noch zu einer P'rage : haben die The-
räer sich nie überlegt, dass man die Gefässe doch nur zerschlug,
damit sie im Leben nicht wieder gebraucht würden, und dass
es unnütz sei, sie zu zerschlagen, sobald man sie den Toten mit
ins Grab gab? Mit anderen Worten: können sich nicht auch
unter den unversehrten Gefässen solche befunden haben, die
nicht Beigaben in dem besprochenen engeren Sinne waren, son-
dern nur deshalb ins Grab gestellt wurden, weil sie zum Toten-
opfer gedient hatten ? Die Möglichkeit ist nicht zu bestreiten,
der Nachweis im einzelnen Falle freilich auch nicht zu führen.
Es sei nur noch einmal auf den grossen Kessel hingewiesen, in
welchen die Amphora 3 des Grabes 113 hinein gestellt war: er
ist als einzelne Beigabe ohne Inhalt unverständlich 1 2.
1 Aus , gleichen Beobachtungen in Samos hat schon Böhlau die gleichen
Schlüsse gezogen (.Nekropolen S. 23 f.) ; hieran wird auch dadurch nichts geän-
dert, dass die grossen Amphoren in Samos doch Kinderurnen zu sein scheinen.
Ob und in wie weit , anderwärts ähnliche Bräuche geherrscht haben, ist aus'den
Ausgrabungsberichten schwer zu: ersehen. Hervorgehoben wird, ein solcher Fall
von Halbherr Amer. Journ. 1901 S. 278, bei einem kretischen. Grabe. Hierher
zu gehören scheint z. B. auch das 82. Grab in Megara Hyblaea (Orsi Mon. Line. I
S. 838). Vgl. Thera II S. 114, Anm. 118.
2 Skias hält es für möglich, dass man sich allmählich gewöhnt habe, statt ge-
füllter Gefässe leere beizugeben (’Ecp. άρχ. 189S S. 98 f.). Das ist nicht wahr-
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