Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 28.1903

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W. DÖRPFELD

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denken? Beide Vorschläge sind wirklich gemacht worden, fan-
den aber wenig Anklang. Solche willkürliche Ergänzungen der
Ruinen schienen von vorneherein sehr unwahrscheinlich und
wurden überdies durch die Ruinen selbst verboten. Man musste
sich deshalb die Frage vorlegen, warum denn eigentlich die
Bühne von den Griechen so hoch gebaut worden sei, wenn sie
doch, um benutzbar zu sein, erst wieder durch besondere Zwi-
schenbauten in eine kürzere Verbindung mit der Orchestra ge-
bracht werden musste.
Dieser Gedanke führte zu einem Lösungsversuche, der nament-
lich von A. Haigh (The Attic Theatre, S. 146) und E. Bethe
(_Prolegomena, S. 220) warm empfohlen wurde. Man nahm für
das Ende des V. Jahrhunderts eine sehr niedrige Bühne an und
behauptete, dass diese schnell an Höhe zugenommen habe und
am Ende des IV. Jahrhunderts bereits 3 bis 4 m hoch gewesen
sei. Diese Bühne, wie sie sich in fast allen griechischen Theater-
ruinen findet, sollte entstanden sein, als der Chor in Fortfall
gekommen und daher keine Verbindung der Bühne mit der
Orchestra mehr nötig war. Vergeblich suchte man aber in den
Ruinen nach erhaltenen Spuren einer älteren niedrigen Bühne.
In Megalopolis glaubten einige englische Archäologen sie wirk-
lich gefunden zu haben, doch beruhte ihre Annahme auf einer
unrichtigen Erklärung der Ruine. Vergeblich bemühte man sich
auch, den Nachweis zu liefern, dass der Chor schon nicht mehr
bestanden habe, als im IV. Jahrhundert die ältesten steinernen
Proskenien, jene vermeintlichen Bühnen, gebaut wurden. Neue
Theaterruinen, neue Inschriftfunde und weitere Studien zeigten
bald, dass die Theorie nicht haltbar war. Noch im III. und auch
im II. Jahrhundert sind in mehreren Theatern Chöre bei ske-
nischen Aufführungen aufgetreten. Vergeblich suchte man end-
lich auf mathematischem Wege zu beweisen, dass die hohe
Bühne aus optischen Gründen wünschenswert oder gar notwen-
dig wäre. Man behauptete, dass die Zuschauer der oberen
Sitzreihen weder die Orchestra noch die niedrige Bühne gut
übersehen könnten [Athen. Mitt. 1899, S. 310). Auch dieser Nach-
weis war verfehlt, wie man schon aus der Tatsache hätte er-
kennen können, dass in den römischen Theatern zu allen Zeiten
die niedrige Bühne üblich geblieben ist, und dass selbst im
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