Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 2.1968

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Studien und Kompositionen an — wie dies z. B.
auch seine Studie zweier männlicher Akte, mit
diagonaler Komposition, voller Spannung (1804)
beweist — sondern auch in seiner Portraitmalerei,
um sich dann im psychologisch erregten, bewegten
Romantismus zu verankern. Dem von innen
genährten, existentiell erlebten Inhalt der Werke
Kiprenskij’s entspricht auch der formale Ausdruck,
in welchem sich sein Werk äussert. Seine Kom-
position stürtz die eingebürgerten, fixierten Sche-
mata, sie attackiert den Zuschauer mit ihrer über-
raschenden, unerwarteten Unmittelbarkeit, Im-
provisation und Impulsivität. Die Handschrift ist
frei, die Palette dunkel, als ob von einer inneren
Glut verbrannt. Ebenso sind die psychologischen
Aspekte, mit welchen Kiprenskij sein Modell
betrachtet, nicht abstrakt und objektivisierend,
sondern von seinen eigenen Problemen, von seinem
inneren Ich durchwoben; dadurch erhalten die
von ihm portraitierten Personen immer ein Stück
seiner eigenen Erregung und Spannung, ein Stück
romantischer Exklusivität. Darum ist er immer auf
der Suche nach extremen und exklusiven und nicht
bürgerlich zivilen Positionen. Kein Wunder, dass
die dankbarsten und entsprechendsten Objekte
seines portraitistischen Interesses Angehörige der
russischen romantischen Dichterschule sind (V. A.
Schukowkij, 1816; A. S. Puschkin, 1827 und an-
dere).43
Wie entfernt immer auch Kiprenskij’s erregtes
und unruhiges Wesen dem Rombauer’schen nüch-
ternen, im wesentlichen zivil-quietistischen, auch
wenn nicht kleinbürgerlich verschnürtem Aus-
druck sein mag, es übt auf ihn eine gewisse An-
ziehungskraft aus und bleibt nicht ohne Einfluss
auf ihn. Denn schliesslich hat auch Rombauer —
wie dies z. B. das bereits erwähnte Portrait des
ungarischen Wissenschaftlers Aurel I. Fessler,
eines Mannes mit buntem Schicksal, der für die
Funktion eines lutheranischen Superintendenten
nach Petersburg eingeladen wurde, weiter das
Bildnis des ungarischen Aesthetikers Kazinczy
beweisen — Geschmack daran gefunden, sich mit
einer Intellektualität auszeichnende oder in emo-
tioneller Hinsicht nicht alltägliche Gesichter an-
zusuchen.
Auch kann nicht behauptet werden, dass Rom-
bauer bei seinem Schaffen psychologische Werte,
innere Momente und Momente innerer Emanation
der portraitierten Person ganz vernachlässigt

hätte. Im Gegenteil; nach dem Jahre 1810, als er
dem Höhepunkt seines Schaffens entgegengeht
und dazu in einer Periode, als in der pathetischen
Atmosphäre nach den Napoleonischen Kriegen
sich ein russischer Romantismus zu entfalten
beginnt, beschäftigt er sich verhältnismässig sys-
tematisch mit ähnlichen Problemen. Seine Aus-
drucksmittel, oft mit einer’ expressiven Ueber-
treibung aufgetragen, spielen jedoch schon immer
mehr auf einer anderen Seite von psychologischen
Momenten der Persönlichkeit, wie z. B. im Schaffen
Kiprenskij’s.
Im allgemeinen kennt Rombauer kein tiefes
psychologisches Eindringen in das Innere seines
Modells; seine Charakteristik, auf einigen nicht
nur auserwählten, sondern sozusagen destillierten
Zeichen aufgebaut, ist im allgemeinen eindeutig,
ohne irgendwelche Nebenbedeutungen. Aus die-
sem Grunde erwecken seine Modelle häufig den
Eindruck einer Uebercharakterisierung. Mit dieser

13. Johann Rombauer: Bildnis eines jungen unbekannten
Soldaten, 1819, Oel.


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