Verein für Badische Ortsbeschreibung [Editor]
Badenia oder das badische Land und Volk: eine Zeitschr. zur Verbreitung d. histor., topograph. u. statist. Kenntniß d. Großherzogthums ; eine Zeitschrift des Vereines für Badische Ortsbeschreibung — 1.1859

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T h i e n g e n.

Des andern Morgens war mein Erstes ein Gang nach dem
„Veitsbuke" in: Rücken des Städtleins. Es war ein schöner
Sonntagsmorgen. Die liebliche Gegend erschien mir wie im
Festgewandc, wie in feiertäglicher/ friedlicher Stille; aber die
trübe Stimmung, welche mich nach meinem Abgänge von
Säckingen angewandelt, lag mir noch im Herzen. Ich konnte
nicht heiter werden auf der heiteren Höhe.
Mit fast wehmüthig bewegter Seele ruhte ich da, auf dem
Lieblingshügel meiner Jugend, still in mich gekehrt, bis die
reiche Umgebung den Blick zu beschäftigen anfieng.
Hinter mir lagen die Schwedeuschanzen und die Uebcr-
bleibsel von der Einsiedelei weiland des Bruders Veit. Zu meinen
Füßen schmiegte sich das Städtlein mit seinem Schlosse und
seiner stattlichen Kirche an den Abhang des Berges. Dann folg-
ten das wiesenreiche Thal der Wutach mit der lieblichen Au des
„langen Steines", der Homberg, der Bürgerwald, der Rhein-
strom, die Argauer Höhen und im Hintergründe die Alpen.
Rechts zur Seite lag der heimathliche Friedhof und daneben
erhob sich der „Glockenberg" mit seinen rätselhaften Steinhäu-
fen; links dagegen ruhte die Kapelle zum heiligen Kreuze in der
Almendebene, dann erschienen die sanften Anhöhen des Johannis-
berges und der Laufenmuhle und darüber hinaus der Kegel des
Küfsachberges mit seinen gewaltigen Schloßtrümmern.
Malerisch vollendeter kann kaum eine Landschaft sein, als
diese. Sie entfaltet Alles — Berge, Ebenen, Wälder, Flüsse,
Wiesenauen, Felder, Gärten, und in welchen Linien, in welchen
Farben! Und dennoch erblickte ich in der ganzen zauberischen
Herrlichkeit nur ein Grab.
Begraben sah ich unter den grünen Hüllen der Felder,
Wälder und Wiesen — wie viele Geschlechtalter keltischer, rö-
mischer, alemannischer Urbewohner; begraben in ihren Grüf-
ten — wie viele der mächtigen Herren, welche einst hinter den
Schloßmauern von Küssaberg und Thiengen gehaust; begraben um
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