Verein für Badische Ortsbeschreibung [Editor]
Badenia oder das badische Land und Volk: eine Zeitschr. zur Verbreitung d. histor., topograph. u. statist. Kenntniß d. Großherzogthums ; eine Zeitschrift des Vereines für Badische Ortsbeschreibung — 1.1859

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die Stadtkirche her und auf dem Friedhöfe „am Letten" — wie
viele Geschlechter der thiengenfch en Bürgerschaft!
Und — das fiel am trübsten aufs Herz, begraben sah ich
noch Anderes, was man nicht in Grüften, auf Kirchhöfen und
Wahlstätten begräbt. Die ewig weiter schreitende Zeit fordert
ihre Opfer nicht allein vom Lebensalter der Generationen, sie
fordert mehr — auch ihren Tribut von der Gesundheit, von der
Sittlichkeit, vom Glücke derselben.
Jene Menschen, welche den langen Stein aufgerichtet
und die Trichter grub en um ihn her gegraben'H, vollendeten
sie ihre Laufbahn in genüglicher Entwickelung, oder giengen sie
unter in selbst verschuldeter Verkommenheit oder in unglücklichem
Kampfe gegen den fremden Eroberer? Was war das Geschick der
Bewohner des schönen Heimathlandes unter dem zusammenstür-
zenden Römerreich? Das Geschick der alemannischen Ansiedler
unter ihken Großen, ihren geistlichen und weltlichen Herren?
Das Geschick des Gemeinwesens von Thiengen während des
wilden Mittelalters und bis herab aus unsere Zeit?
Diese Fragen zogen mir durch die Seele, als ich an dem
schönen Morgen auf dem Hügel des alten Waldbruders ruhte
und das kleine Paradies der lieben Heimath betrachtete. Und alle
vereinigten sich zu der Schlnßfrage: Konnte es früher wohl
besser sein, als es in unserer Gegenwart ist?
Da sprach eine Stimme: „Nein, in dem Meisten nicht besser,
was von Außen kömmt. Darin islls hundertfältig schlimmer ge-
wesen, als jetzt. Aber, wolltest du wohl die Gefahren eines
harten Lebens, das dich stählt und gesund erhält, mit der Ruhe
und Pflege eines Kranken vertauschen, wenn demselben auch
alle Mittel der Heilkunde, alle Zerstreuungen der Kunst, alle
Genüsse der Bücherwelt zu Gebote stehen? Und noch Etwas.
Glaube nicht, daß die Selbstvergötterung das Steuer-
ruder der Gesellschaft lenken dürfe, ohne sie endlich dem Ab-
grunde zuzuführen."

2) Vergl. meine Abhandlung über Keltisch-Römisches zu Thiengen,
in den Schrift, des bad. AltherthumSver. 1°, 227.
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