Verein für Badische Ortsbeschreibung [Editor]
Badenia oder das badische Land und Volk: eine Zeitschr. zur Verbreitung d. histor., topograph. u. statist. Kenntniß d. Großherzogthums ; eine Zeitschrift des Vereines für Badische Ortsbeschreibung — 1.1859

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Und die Stimme schloß: „Darum ermanne dich, folge
deinem höheren Beruf, bilde ein festes Glied in der Kette
Derjenigen, welche die heiligen Schätze des Idealen und
Sittlichen schützend nnd wahrend umziehen, um sie wieder
aufwachsen zu lassen zu einem Baume neuen Lebens für die
Zeiten, wo der Schwindelbau des großen Tag es g ötz en einmal
in sich zusammenbricht."
Ich verließ den Hügel und machte einen Gang durchs
Städtlein, als die Leute eben aus der Kirche kamen. Eine Ver-
gleichung dieser Scene mit den Bildern meiner Erinnerung ergab
sich da unwillkürlich; aber ihr Ergebniß war kein erfreuliches.
Es führte mich zu einem Rückblicke in die thiengenstche Ver-
gangenheit, deren wichtigste Perioden sich mir diesmal besonders
lebhaft vergegenwärtigten, und ich fühlte wohl, daß der liebe
Geburtsort bei der Schicksalsgöttin noch Manches zu gut
haben müße, wenn er durch eine bessere Zukunft für die Leiden
seiner Vergangenheit entschädiget werden soll.
Im Jahre 855 war dieses Thiengen (nach altdeutscher
Schreibung 1'uonAen) eine Malstätte des obern Albgaues, zu
welchem es noch im 15ten Jahrhunderte gezählt wurde; seit 1240
in Verbindung mit der Herrschaft Küssaberg ein st ist ko n st an-
zisch es Schloß und Städtlein; seit 1262 der Sitz des Dynasten-
geschlechtes von Kränkingen; seit 1470 eine Psandschast der
Schafhauser, nnd seit 1488 die Hauptstadt des sulzischcn
Kletgaues, weswegen man denselben auch die „Grafschaft
Thiengen und Küssaberg." zu nennen pflegte.
Diese Verwandlungen alle — wie hatten sie sich wohl ereig-
net? Vergeblich befragt man unsere Chroniken und Geschicht-
bücher hierüber um Auskunft, und mir selber blieben die ältesten
Verhältnisse meiner Geburtsstadt lange Zeit ein halbes Räthsel.
Wenn man aber nicht ermüdet im Forschen, so erschließen sich
einem endlich doch die wahren Verhalte; ich erlangte das befrie-
digende Ergebniß, die Anfänge und früheren Geschicke des thien-
gewschen Gemeinwesens urkundlich dargelegt zu sehen.
Als uralte Gerichts- und Münzstätte des obern Alb-
gaues gieng Thiengen in den Besitz der dasigen Gaugrafen über,
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