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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 20.1956

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https://doi.org/10.11588/diglit.43787#0131

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Das Dreigötterrelief von der Brigachquelle

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auch tatsächlich bezeugt'). Und ich finde es sinnvoll, daß sich Hirsch und Vogel nicht
auf ihre Gottheiten zubewegen, sondern vor ihnen her. Man mag an ein Hirsch-
gespann, an einen Taubenwagen oder auch daran denken, daß „weisende“ Tiere sich
— Sonderfälle zugestanden — mit ihren Gebietern oder Schützlingen in gleicher
Richtung zu bewegen pflegen. Darf aber der Vogel dem Kopf zur Rechten zugewiesen
werden, dann ergibt sich für die Mittelfigur samt dem Hasen die Deutung als Abnoba,
die Göttin des Schwarzwaldes.
Als sicher betrachte ich ferner, daß die durch den mittleren Kopf vertretene göttliche
Macht dem Ganzen irgendwie übergeordnet war. Das beweist außer dem bevorzugten
Platz die abweichende Form des Unterbaus, der kunstvoll ausgearbeitete Kandelaber.
Eben dieser wiederum läßt mitsamt den beiden großen Tieren bei flüchtigem Hinblick
an die bekannte, von Altsumerien her überlieferte „antithetische Tiergruppe“ denken,
wo eine „Herrin der Tiere“ oder eine „heilige Säule“ ■—■ ich erinnere an das Löwentor
von Mykene — von zwei Tieren flankiert wird. Es pflegen Tiere zu sein, die gleich
ihrer Gottheit eine Macht verkörpern. Auf den Hirsch träfe das zu, auf den Hasen
dagegen, so bedeutsam auch sein mythischer Gehalt bis herab zum Osterhasen gewesen
ist, gewiß nicht. Vor allem aber würde ein Vergleich mit der herkömmlichen Tier-
gruppe deshalb in die Irre führen, weil die unerläßliche Symmetrie der Richtung fehlt.
Ein Gleichmaß der Größe freilich besteht — dem Vogel gegenüber — gleichwohl und
will beachtet sein. Der Hase ist auffallend groß, und seine Gangart kennzeichnet ihn
hier nicht als Inbegriff von Fruchtbarkeit, sondern als Jagdtier. Auch von diesem
Gesichtspunkt aus ordnet sich einerseits der Hirsch zur Gottheit links, der Hase zu
der in der Mitte. Man darf sich wohl denken, daß sich auch dieses Tier vor seiner
Gottheit herbewegen sollte. Das war, da der Kopf in Vorderansicht gegeben ist,
bildtechnisch kaum darstellbar. Es blieb nichts anderes übrig, als den Hasen zur Seite
springen zu lassen, wo der Leerraum ohnehin nach Füllung verlangte.
Angesichts dieser Formgegebenheiten ist der Versuch, das Relief auf ein an der Fund-
stelle zu denkendes Quellheiligtum einer — sonst übrigens nicht bezeugten — Brigia
zu beziehen, kaum aufrechtzuhalten. Es widerspricht ihm aber auch die Sachlage im
allgemeinen. Eine keltische oder gallo-römische Quellverehrung an dieser Stelle hätte
wenig Wahrscheinlichkeit. Die archäologische Fundkarte7 8) verzeichnet im weiten Um-
kreis weder Latenezeitliches noch Römisches noch Alamannisches9). Kein Wunder,
denn bevor die Benediktiner von St. Georgen das obere Brigachtal rodeten, war dort
gewiß dichter Wald. Nichts deutet auf Besiedlung, nichts auf Durchgangsverkehr oder
Gelegenheitsbesuche, auf Metallschürfungen oder Weidebetrieb10). Mag auch die Brigach
einen keltischen Namen führen, über ihre Quelle sagt er höchstens insofern etwas aus,

7) Vgl. Steier, RE IV A 2 (1932) 2499 unter „Taube“.
8) E. Wagner, Fundstätten und Funde im Großherzogtum Baden I (1908) Karte II. Besser jetzt:
Heimatatlas der Südwestmark Baden 2 (1937), Karte auf S. 37.
9) „Nach Angabe des Bauern befand sich unter den übrigen Steinen des Rauchkammergewölbes
nichts Zugehöriges“ (Krüger-Revellio a. O. 66). Gelegentliche Grabarbeiten im Jahre 1937
ergaben keinerlei Besiedlungsspuren (ebenda).
10) Das im Gründungsbericht des Klosters St. Georgen (1084) genannte „Welchenfeld“ (vgl. Krü-
ger-Revellio a. a. O. 66, Anna. 2) lag „in der Luftlinie etwa 6 km südöstlich der Brigach-
quelle“, also weit abseits.
 
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