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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 20.1956

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https://doi.org/10.11588/diglit.43787#0164

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Albrecht Dauber und Wolfgang Kimmig

Grube saß, daß sich der Leichenbrand auch um die Urne zerstreut hatte und daß von
den Beigaben der Lanzenschuh neben der Urne lag, besagt doch wohl nur so viel, daß
sich ein Teil der Füllung beim Fehlen einer Abdeckung aus der flachen Schale entleerte.
Zwei sicheren Urnengräbern und einem weiteren planlos geborgenen Grab mit Urne
stehen also zwei Gräber gegenüber, von denen lediglich ein Teil des Beigabenbestandes
bekannt ist. Man wird aus solchem Befund weit eher auf einen mäßig gut erhaltenen
Urnenfriedhof schließen und den Begriff der im terminologischen Sinne sowieso um-
strittenen „Brandgrube“ besser beiseite lassen1021). Für Bettingen mindestens ist diese
Form der Grablege nicht zu beweisen, womit von dieser Seite jeglicher Anspruch auf
germanische Abkunft entfällt.
Daß Brandbestattung als solche, ferner Waffenbeigabe und Verbiegung der Waffen im
keltischen wie im germanischen Bereiche vorkommen, ist seit langem bekannt und auch
von Wahle anerkannt worden* 103). Bleibt die in der Tat auffallende Erscheinung, daß
außer dem für den Leichenbrand bestimmten Gefäß keine weitere Keramik mitgegeben
wurde, was Wahle an „die Ausgangsgebiete der elbgermanischen Bewegung“ erinnert
und von ihm als recht schwerwiegendes Indiz betrachtet wird. Aber auch dieser Ein-
wand ist leicht zu entkräften unter Hinweis auf die von Behaghel und vor allem von
Schönberger herausgestellten Schüsselgräber der Wetterau, die sich als eine rein kel-
tische Sondergruppe herausgestellt haben und vor deren germanischer Interpretierung
Schönberger mit Recht dringend warnt104). Nach den schon mehrfach hervorgehobenen
Beziehungen, die Bettingen mit der Wetterau und dem unteren Main verbinden, wird
man nunmehr kaum umhin können, auch den Bettinger Bestattungsritus unmittelbar
mit den dortigen Verhältnissen zu koordinieren.
Zusammenfassung und historischer Ausblick
Wir haben mit voller Absicht die Bettinger Inventare einer so ausführlichen Prüfung
unterzogen, um von vornherein zweierlei sicherzustellen:
1. In Bettingen gibt es weder im Gräberfundstoff noch im Bestattungsritus irgendeinen
Hinweis, der Anspruch auf germanische Herkunft erheben kann. Immer bewegen wir
uns in Bereichen, die man als „Mittellatene“ im weitesten Sinne des Begriffs bezeichnen
kann.
2. Wir glauben nachgewiesen zu haben, daß als terminus ante für das Ende dieses
Mittellatene der Abschluß des gallischen Feldzuges und die beginnende Romanisierung
Galliens zu setzen ist. Die von Paul Reinecke „D“ genannte Kultur der Spätlatenezeit,
i02a) Vgl. die Bemerkungen G. v. Merharts in Wiener Präh. Zeitschr. 27, 1940, 97.
103) P. Reinecke in: Mainz. Zeitschr. 8/9, 1913/14, 111 ff. — Vergleicht man die Akademieschrift
Wahles von 1940 mit seinem in den zwanziger Jahren geschriebenen Aufsatz „Brandgräber
der späten Latenezeit von Wiesloch und Heidelberg“ (Bad. Fundber. I, 1925—28, 71 ff.,
besonders 78/79), so fällt die deutliche Abschwächung seiner „germanischen Konzeption“ auf.
Trotz den warnenden Bemerkungen Reineckes von 1914 hatte Wahle ursprünglich am Pri-
mat der historischen Aussage vor der archäologischen festgehalten und alle Brandgräber der
Spätlatenezeit im Rhein-Main-Neckargebiet für germanisch erklärt.
104) H. Schönberger in: Saalburgjahrb. a. a. O. 29 ff. Vgl. auch das Schüsselgrab von Wiesloch
(Bad. Fundber. I, 1925—28, 71 Abb. 35) mit rein keltischem Gefäß.
 
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