Weyden, Rogier van; Beenken, Hermann
Rogier van der Weyden — München: Bruckmann, 1951

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hat in den Niederlanden mit dem fortschreitenden 15. Jahrhundert mehr und mehr die Vorstellungswelt
des Adels, die eine von schweifender Phantasie geschaffene ritterliche Ideal- und Scheinwelt gewesen war,
zurückdrängen können. In den Dienst jener vergänglichen Scheinwelt hat auch Rogier seine Kunst nicht
mehr gestellt. Dem erstarkenden Bürgertum ging es um echtere Werte und keineswegs nur um wirt-
schaftliche. Der Aufstieg einer neuen Klasse ist immer zugleich auch von einem neuen Ethos getragen.
Wie das ritterliche Ethos des Hochmittelalters, so ist auch das neue bürgerliche Ethos religiös bestimmt
und von religiösen Kräften durchdrungen gewesen. Nirgends wieder tritt dies so sichtbar zutage wie in
Rogiers Bildern. Einst mögen die Brüsseler Gerechtigkeitsbilder die großartigsten sichtbaren Zeugnisse
dieses neuen bürgerlichen Ethos gewesen sein.
Geschichtlich verstanden sein wollen auch der christliche Ernst und die christliche Frömmigkeit in den
Werken des Meisters. Hier bezeugt sich noch mitten im Schoße des alten Kirchenglaubens am anschau-
lichsten jene religiöse Neubesinnung, der es um die letzten Dinge des Menschen ging und aus der zuletzt
auch die Bewegung der Reformation herauswuchs. Unter den großen Künstlern des 15. Jahrhunderts hat
keiner so tief wie Rogier die Verantwortung empfunden, die dem Menschen, seiner Lebensführung und
seinem künstlerischen Schaffen durch sein Wissen um dieses Letzte auferlegt ist. In dem Bewußtsein
dieser christlichen Verantwortung hat sich auf niederländischem und deutschem Boden jener bürger-
liche Charakter gebildet, der in dem neu anbrechenden Zeitalter zur geistigen Führung berufen war.


Orford

Silberstiftzeichnung. 8,6 8,0 cm
Kopf des hl. Joseph
Etwal4SS-60

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