Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Altertumsverein zu Wien [Editor]
Berichte und Mitteilungen des Altertums-Vereines zu Wien — 5.1861

DOI article:
Perger, Anton von: Über den Alraun
DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.68343#0293
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
UBER DEN ALRAUN.

VON
A. R. v. PERGER.

In der Ausstellung, die der Wiener-Alterthumsverein im verflossenen Jahre veranstaltete, und in
welcher eine so grosse Zahl der herrlichsten und interessantesten Gegenstände mittelalterlicher Kunst
zu sehen waren, befand sich auch ein sehr kleines Glaskästchen mit einer höchst abenteuerlichen
Figur, welche die Aufmerksamkeit der Besucher nicht wenig in Anspruch nahm, obwohl sie weder
künstlerischen noch Goldeswerth besass, aber es war ein höchst seltenes Ding, nämlich ein Alraun.
In der That es war ein Alraun. Und wenn seine Echtheit auch nicht von Kennern bekräftigt
worden wäre, so würde sich dieses Alräunchen doch selbst als solches bestätigt haben, denn als es am
Schlüsse der Ausstellung wieder in seine alte Heimath zurück gebracht werden sollte, war es — recht
nach Alraunenart — plötzlich nicht zu sehen und wurde erst nach einiger Zeit und an einem Ort gefun-
den, wo man es am wenigsten vermuthet hätte. Von einem solchen Alraun ist es auch der Mühe werth,
etwas zu schreiben.
Die Germanen genossen schon in den ältesten Zeiten den Ruhm, dass sie die Frauen mit einer
besonderen Verehrung betrachteten und der Grund davon mag vielleicht darin liegen, dass sich unter den
germanischen Frauen viele befanden, die mit aussergewöhnlichen Gaben beschenkt waren. Tacitus
erzählt von solchen weissagenden Frauen und führt eine derselben (C. 8.) mit dem Namen Aurinia
an, die aller Wahrscheinlichkeit nach, eigentlich Alruna (die Wissende) hiess, was sich dadurch
bestätigen dürfte, dass Jemandes J) erwähnt, es habe König Filiner magische Frauen angetroffen,
welche sich Aliorumnae, Alyrumne, Aliuruncae u. 's. w. genannt hätten, woraus wieder hervorgeht, dass
das Wort Alruna nicht ein Personenname sei, sondern dass er einer gewissen Kaste von Frauen ange-
höre, die sich mit Weissagen, Opfern und zauberischen Dingen beschäftigten. Dass das Wort Alruna
oder Allruna von rüna = Geflüster, abstamme, ist zu bekannt, um näher erörtert zu werden 1 2). Dafür
sei aber erwähnt, dass diese Frauen, mindestens nach Aventinus 3), dem freilich nicht jederzeit zu trauen
ist, weiss gekleidet waren, dass sie Gürtel von Erz und lang herabwallendes Haar trugen und aus dem
Blut der geopferten Kriegsgefangenen die Zukunft verkündigten.

1) De reb. goth. C. 24.
2) Vgl. Graff, „ahd. .Sprachschatz“ II. 523. Schmeller „Bayer. WB.“ III. 97. Grimm. „Myth.“ 1153. u. A.
3) Annal: Boj. I. 7.

34 *
 
Annotationen