Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen (Band 33,1): Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Stadt Quedlinburg — Halle, 1922

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Kreis Stadt Quedlinburg.

nur durch zwei schmale Öffnungen verbunden ist. Diese 9,30 m lange und 2,87
bis 3,80 m breite Kammer ist als der wichtigste Kaum der ganzen Anlage zu
betrachten, zu dem die beiden anderen Teile als Zugänge führen. Vom nörd-
lichen Schiff der Krypta führen neun Stufen zu den 1,59 m tieferliegenden
Felsenkammern. Zwei Lichtschachte lassen genügend Tageslicht einfallen, einer
im nördlichen Gang, einer am südlichen Ende der östlichen Kämmer.
Als Totengruft hätte die Krypta selbst und die Felsengruft eine so große
Anzahl Särge aufnehmen können, daß die Glieder des Königs- und Herzogshauses
auf mehrere Jahrhunderte reichlich hätten Platz finden können. Da Mauerwerk
und Einzelformen den ältesten Teilen der Schloßkirche am meisten gleichen, so
muß man sie noch in das 10. Jahrhundert versetzen und die Anlage als ottonische
betrachten. Wie wir diese mit den übrigen Gebäuden in Beziehung setzen
können, wird bei der Baugeschichte erörtert werden, zu der wir uns nun wenden.

IVa. Baiigescliiclite.
König Heinrich hatte 935 und dann noch einmal auf einem Keichstage zu
Erfurt mit den Fürsten des Keiches Rücksprache genommen über die Gründung
einer Familienstiftung zur Versorgung der Töchter der großen Familien des
Landes. Erst der Rat der Fürsten lenkte seine und der Königin Aufmerksamkeit
auf Quedlinburg als Sitz des Stiftes (s. o.). Hier war auf der Burg eine dem
hl. Petrus geweihte Burgkapelle im Bau und der Vollendung nahe. Sie war
wohl als Grabeskirche gedacht, ob aber bei ihrer Anlage schon die Gruft
vorgesehen war, ist zweifelhaft. Geweiht ward sie vielleicht am 29. Dezember 935,
da für die Oberkirche von 997 und von 1129 andere Daten feststehen; doch fand
937 sicher eine Weihe durch Bischof Bernhard von Halberstadt statt. Als der
König in Memleben einem Schlagfluß erlag, hat die Königin ihm in der neuen
Kirche, deren Gestalt wir oben S. 55 f. und aus Abb. 29 und 30 kennengelernt
haben1), an die sich das neue Stift anschließen sollte, die letzte Stätte bereitet,
obgleich der Bau noch größerer Pracht entbehrte (quod ipsum monumentum
testatur, e rudi lapide, nulla magnificentia factum2). Eine viereckige Gruft
(Abb. 113) wurde ausgetieft, in deren Mitte der Sarg des Königs beigesetzt wurde,
und zwar vor dem Altar (in basilica Sancti Petri ante altare3). Zugleich wurde
nach dem Muster der Wipertikirche die halbkreisförmige Betgruft4) angelegt,
die aber von dem Sarge noch nicht durch eine Bogenwand geschieden war. Die
Nischen haben eine ähnliche Anordnung wie in St. Wiperti; in beiden ist der

L Näheres bei Brinkmann, Denkmalpflege 1920, Nr. 12.
2) Fahr. Sax. ad a. 936.
3) Widultind in Mon. Germ. 1
4) Als confessio (nach P. J. Meier) kann sie für diese Zeit wohl noch nicht betrachtet
werden.
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