Curtius, Ernst [Editor]; Adler, Friedrich [Editor]
Olympia: die Ergebnisse der von dem Deutschen Reich veranstalteten Ausgrabung (Textband 1): Topographie und Geschichte — Berlin, 1897

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Entwurf einer Geschichte von Olympia.

Entwurf einer Geschichte von Olympia.
Von Ernst Curtius.

Die Geschichte von Olympia zu schreiben, ist weder
im Altertum noch in neuer Zeit der Versuch gemacht
worden. In den Geschichtswerken des Altertums wird
es immer nur gelegentlich erwähnt. Später ist es als
etwas in sich Fertiges Gegenstand beschreibender Dar-
stellung geworden, indem die dort vorhandenen Sehens-
würdigkeiten nebeneinander aufgezählt wurden. Diese
Denkmäler sind aber nicht zufällig zusammen gekommen,
sondern Glieder eines Ganzen, das Ergebnis einer langen
Reihe besonderer Umstände und Thatsachen. Die Wissen-
schaft wird sich also der Aufgabe nicht entziehen können,
der Entwickelung des Heiligtums von Anfang an nach-
zuspüren, um sich klar zu machen, wie es im Lauf der
Jahrhunderte seine Gestalt und Bedeutung allmählich ge-
wonnen hat.
Wo ein flaches Küstenland sich weithin ausbreitet,
wie es in Elis der Fall ist, da konnten sich keine Staaten
mit fester Umgrenzung bilden; es waren keine von Natur
angewiesenen Schranken vorhanden. Daher ist der Be-
sitzstand der Nachbarkantone immer schwankend gewe-
sen, und vielfache Zuwanderungen haben von der Land-
wie von der Seeseite stattgefunden, vorzüglich im Mün-
dungslande des Alpheios.
Flussmündungen sind für die politische Geschichte
von Hellas bedeutungslos, insofern sie keine Plätze bür-
gerlicher Niederlassungen waren; für die Kultur ge-
schichte des Altertums aber sind sie von hervorragender
Wichtigkeit, namentlich die Mündungen solcher Flüsse,
welche mit nie verwiegender Strömung in das Meer aus-
fliessen (noTuixo\ aX«&- tt^o^ovts<; Hymn. Hom. Ap. Del.
v. 23) und zur Einfahrt von Seeschisfen geeignet sind.
Die Mündung des Alpheios hat aber eine ganz besondere
Bedeutung; denn er ist der grösste Fluss der Halbinsel
mit einem sich in das Innere tief verzweigenden Quell-
gebiete. Wie eine lebendige Wasserader verbindet er
die Hochthäler im Nordosten mit dem fernen West-
rande. Im Tieflande von Elis hatte man Fühlung mit
dem Hochgebirge Kyllene; denn, so oft der Alpheios
plötzlich anschwoll, so wussten seine Anwohner, dass
die geschlossenen Thalkessel des arkadischen Hochlandes
sich unterirdisch entleert hatten, und der Name Stym-
phalos, den der Fluss in alter Zeit getragen haben soll
(Plut. de fluv. XIX 1), beweist diesen Zusammenhang mit
Arkadien. Diesen Naturverhältnissen entsprechen die alten
Sagen, welche von Heerzügen melden, die von Pheneos
nach Elis sich erstreckt haben sollen (Peloponnes I 188).
Kein Fluss hat die Phantasie der Alten in gleichem
Grade angeregt; und während es beim Achelous mehr

die elementare Kraft des Wassers war, welche den Inhalt
der Volkstage bildete, so war es beim Alpheios die weit-
verzweigte, Nahes und Fernes wunderbar verbindende
lebendige Bewegung. Wie die Eleer sich mit dem Al-
pheios gemütlich verbunden fühlten, zeigt die Erzäh-
lung, dass sie weinend ihren Fluss begleiteten, in Be-
sorgnis, dass er, nach den jenseitigen Gestaden absliessend,
seine Heimat vergesse (Qurciios itotuv.Öq. Photius Bibl. 369 fr
35 Bekk.). Die auf Naturverhältnissen beruhenden Sagen
wurden dann auch auf die geschichtlichen Beziehungen,
in welche das Alpheiosthal eintrat, übertragen, so dass
auch überseeische Städte, die am Olympiafeste teil-
nahmen, durch den Alpheios mit dem Mutterlande in
Verbindung gesetzt wurden, wie es die Arethusasagen in
anmutigen Bildern darstellen. So ist er von Anfang an
die eigentliche Lebensader der Landschaft gewesen.
Die Götterdienste sind die ältesten Urkunden der
Landesgeschichte und lehren uns die Anfänge des Völker-
verkehrs kennen. Von fremdländischen Kulten, die in
die osfene Landschaft eingezogen sind, ist aber keiner so
deutlich bezeugt, wie der des Kronos, der lange auch von
hervorragenden Mythologen (Welcker, Griech. Götter-
lehre I 274) als eine Personifikation der »Zeit« (Chronos)
angesehen worden ist. Jetzt wird wohl kein Forscher in
ihm ein göttliches Wesen unhellenischen Ursprungs ver-
kennen, einen barbarischen, Menschenblut fordernden
Gott, den Gott eines Volks, das den Hellenen an Kultur
vorangegangen ist und an Weltkunde lange weit über-
legen war. Darum heilst er der »Überschlaue« (ayy.v7.o-
V.Y1TY1Q) und erscheint, den Phöniziern entsprechend, als
ein rastlos wandernder Kolonialgott. Mit seinen Verehrern
sind die Griechen in blutigem Kampf zusammengetrosfen
und haben ihren Zeus vor ihm gehütet und verteidigt.
Von diesen Religionskämpfen zeugen die Kureten und
Korybanten, welche in fanatischem Waffentanze Schild
und Schwert schwingen, um das hilflose Zeuskind zu
beschützen.
Diese Kämpfe zwischen Moloch- und Zeusdienst
haben ihren Schauplatz vorzugsweise in Kreta gehabt,
wo Phönizier mit Stämmen griechischen Geschlechts am
Idagebirge zusammensassen. Aus dem blutigen Gegen-
satze ist hier ein System erwachsen, in welchem das Un-
hellenische als das Vorhellenische angeschaut wurde.
Kronos wurde zum Urgott, Zeus zum Kroniden, der in
der idäischen Grotte von Nymphen genährt, von Kureten
geschützt wird. Diese Anschauungen sind von kretischen
Seefahrern nach Hellas übertragen worden. Auf ihren
Umfahrten um den Peloponnes, die wir aus dem homen-
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