Curtius, Ernst [Editor]; Adler, Friedrich [Editor]
Olympia: die Ergebnisse der von dem Deutschen Reich veranstalteten Ausgrabung (Textband 1): Topographie und Geschichte — Berlin, 1897

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Nachtrag zum Texte der byzantinischen Kirche.

so notwendiger, als der Tempel auch ein Hyperoon
besass, welches durch hölzerne Treppen dem Volke
zugänglich war und sicher oft benutzt worden ist.
Daher verdient auch diese Ähnlichkeit zwischen beiden
Innenräumen Beachtung. Von einer genauen Wieder-
holung der dorischen Stützenstellungen im Tempel ist
mit Recht Abstand genommen worden, weil sie die
freie Beweglichkeit behindert hätte. Es ist aber inter-
essant, konstatieren zu können — was ich a. a. O.
S. ioo bereits gethan habe —, dass die Fussbodenhöhe
der Emporen aus den geretteten Bruchstücken der
alten Steinsäulen nebst Zuschlag für das Holzgebälk
auf ca. 8,00m1) festgesetzt werden kann, während das
entsprechende Mass im Tempel nur ca. 30 — 40 cm
höher einzuschätzen ist.
Wenn Dörpfeld viertens es für undenkbar erklärt,
dass man einen Bau von der Solidität des Unterbaues
zur Herstellung eines sogenannten verlorenen Modelies
für das Zeusbild gemacht haben soll und hinzufügt,
dass, wenn man den Tempel selbst nicht dazu benutzen
wollte oder konnte, «eine Holzbaracke oder ein
Lehmziegelbau ohne Quaderfundamente und
ohne Steinsockel genügt« haben würde, so irrt
er mit diesen Behauptungen mehrfach. Erstlich war
es im Tempel unmöglich — ganz abgesehen von der
unvermeidlichen Profanierung —, ein sogenanntes Mo-
dell in natürlicher Grösse ausser dem in gleichen
Massen aufzubauenden chryselephantinen Koloss zu er-
richten. Wo hätte das erstere flehen sollen? Platz war
nicht vorhanden, denn den einzigen und ihm ge-
bührenden Platz beanspruchte das mit der grössten
Vorsicht und Sorgfalt langsam aufwachsende Gottesbild.
Zweitens übersieht er bei dem Vorschlage einer Holz-
baracke u. s. w. die wichtige Thatsache, dass mindestens
mehrere Jahre hindurch Tag für Tag kostbare Ma-
terialien, wie Cedernholz, Ebenholz, Elfenbein, Gold
und Silber in der Werkstatt verbraucht wurden und,
soweit es überhaupt möglich war, feuer- und diebes-
sicher verwahrt werden mussten. Denn sicherlich ist
jeder Körperteil sowohl in seinem Holzkerne wie in
seinem Belage im Atelier fertig hergestellt und im
Tempel nur angepasst bezw. verheuert worden. Er

!) Ich hatte a. a. O. die Höhe des Gebälkes etwas zu
niedrig, nämlich auf 0,50 m geschätzt, es muss stärker gewesen
sein, nämlich ca. 0,90 m, so dass die Höhe von 8,00 m heraus-
kommt.

übersieht ferner die historisch gesicherte Thatsache, dass
mindestens fünf Jahrhunderte hindurch die Nachkom-
men des Pheidias als geschulte Pfleger des kostbaren
Gottesbildes treulich ihres Amtes gewaltet haben, und
dass zu diesem Zwecke ein durchaus wetterfestes und
gegen Angriffe des Wassers standfähiges Haus von er-
heblichem Umfange schon wegen der Grösse der vielen
zu konservierenden Modelle ganz unentbehrlich war.
Auch hat das Ausbessern an den zahllosen kleineren
und mittelgrossen Weihegeschenken, die aus seltenen
Hölzern, Elfenbein, Bernstein und Edelmetallen be-
standen, gewiss nie aufgehört. Aus allen diesen Grün-
den ist die Annahme einer schmalen und schlecht
fundierten Holzbaracke nicht zu rechtfertigen.
Auch den fünften Punkt, dass alle Fundthatsachen
ebenso gut auf ein Priester-Megaron wie auf eine
Werkstatt passten, muss ich bestreiten. Von festlichen
Gelagen der aus wenigen Personen bestehenden Prie-
sterschaft ist nirgends die Rede; und haben sie doch
stattgefunden, so war das Prytaneion der passendste
und nächstliegende Bau, weil er die erforderlichen
Kücheneinrichtungen besass, die im Ergasterion fehlten.
Wenn man aber aus der kleinen und bescheidenen
Anlage des Theokoleon mit seinen geradezu winzigen
Zellen auf die Lebenshaltung ihrer Bewohner schliessen
darf, so ist an einen Festsaal von der Grösse und dem
kubischen Inhalt des Ergasterion, die für einen fürst-
lichen Bankettsaal vollständig genügen, nicht zu den-
ken. Und wie will Dörpfeld die kolossale Grösse der
Ostthür von 4,50m Breite, welche noch die lichte
Weite vieler Portale an grossen Kathedralen des Mit-
telalters erheblich übertrifst, bei einem Festsaale recht-
fertigen und ebenso die Galerien im hinteren Räume?
Die ausfallende Thürbreite erklärt sich ungezwungen
einerseits durch die Transportverhältnisse der Materia-
lien und andererseits durch die Notwendigkeit für den
Meister und die Schüler, von einem entfernteren Stand-
punkte aus das langsam aufgebaute und sicher oft ver-
besserte Modell bequem übersehen zu können.
Dafür, dass Dörpfeld durch seinen unerwarteten
und ausführlich begründeten Widerspruch mir die er-
wünschte Gelegenheit gegeben hat, an dieser Stelle die
Frage des Ergasterion noch einmal erörtern zu kön-
nen, bin ich ihm dankbar und hoffe, dass auch von
anderer Seite her dieser für die Geschichte und To-
pographie Olympias nicht unwichtige Gegenstand noch
weiter behandelt werden wird.
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