Fliegende Blätter — 42.1865 (Nr. 1017-1042)

Seite: 193
DOI Heft: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb42/0198
Lizenz: Public Domain Mark Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
9- Bestellungen werden in allen Buch- und Kunst- #

• Handlungen, sowie von allen Postämtern und m W _

Zcitnngserpeditionen angenommen. _

Erscheinen wöchentlich ein Mal. Subscriptions-^
preis für den Band von 26 Nummern 3 fl. 54 kr. ®'

ob. 2 Rthlr. 5 Sgr. Einzelne Nummern 9 kr. od. 2'/, Sgr.

Die Za

Die Hochzeit war vorüber; der Assessor Rode hatte
seinen Dienst, von dem er ein paar Tage lang beurlaubt
gewesen war, wieder angetreten, und seine junge Frau
schaffte und wirthschaftete zu Hause, um es sich in ihrer
neuen Wohnung, am eigenen Heerde, so einzurichten und
alles so zu ordnen, wie sie schon lang sich ausgedacht hatte,
daß es einmal bei ihr werden müsse, wenn sie eine Frau
sei. Dabei kamen dann auch die leisen Wünsche ihres
Mannes in Betracht, die sie hie und da ihm bereits abge-
lauscht hatte. Seine Lieblingsspeisen kannte sie schon fast
alle; auch hatte sie, ohne daß auch nur ein Wörtchen dar-
über gesprochen worden war, sich recht gut gemerkt, wo er
am liebsten saß bei Tische.

Der Assesior war ein schweigsamer Mann; namentlich
lag eö nicht in seiner Neigung, Anforderungen zu stellen;
um so mehr aber war er geneigt, jede kleine Aufmerksamkeit,
jedes freundliche Entgegenkommen hoch anzuschlagcn und es
mit tief empfundener Befriedigung aufzunchmen.

Die junge Frau hatte, wie gesagt, seinen liebsten Platz
am Tische entdeckt, und als cs Abend ward, wurde dem
Gatten, bevor er nach Haufe kam, an dieser Stelle der be-
queme Lehnstuhl schon sorglich bereit gestellt. Dieser
Lehnstuhl war ein Geschenk der alten Großmutter aus der
Residenz. Bei dieser war die junge Frau erzogen worden
und bei ihr hatte dieselbe den größten Theil ihrer früheren
Jahre zugebracht, bis sie jetzt in das kleine Landstädtchen
cingezogen und hier die Frau Asscssorin geworden war.

Die alte Großmutter war eine kluge, erfahrungsreiche
Frau, von welcher die junge Gattin manche gute Lehre,
manches vernünftige Wort vernommen hatte; und von dem,
was sie von der Großmutter her wußte, siel der jungen Frau
gerade jetzt, als sie damit beschäftigt war für den Abend

h n l ü ck e.

zu sorgen, die Stelle eines kleinen Liedes ein, welches sie
die Alte oft hatte vor sich hin summen hören, wenn dieselbe
gedankenvoll, wohl in mancherlei Erinnerungen versunken,
bei ihrem Spinnrade saß.

Sie lächelte, die Frau, indem sie des Liedchens gedachte,
und mit Heller Stimme wiederholte sic sich die kleine Strophe
daraus, die ihr ganz besonders gerade jetzt in den Sinn
gekommen war:

„Zu Haus ist's am besten — gefährlich ist drauß':

Mach's Frau, Deinem Mann recht — dann bleibt er zu

Haus!"

So sang die junge Frau und machte sich dabei in ihrem
kleinen Hauswesen so viel zu schaffen, als wenn sie für
zwanzig Personen zu sorgen hätte.

Endlich kam der Assessor nach Hause. Mit leichten
Sprüngen eilte die Frau zur Thüre hin, um ihm zu öffnen,
und der junge Ehemann sah mit innigem Wohlbehagen, wie
freudig er erwartet worden.

Bald saßen Beide bei Tisch, um mit einander ihr be-
scheidenes Abendbrod zu genießen. In den wenigen Tagen
seit ihrer Verehelichung hatte sich dabei bereits eine kleine
Gewohnheit eingeschlichcn, die, wie geringfügig sic auch an
und für sich war, in der Zukunft doch bei dem jungen
Paare ihre besondere Bedeutung gewann. In der Regel
gab es nämlich zum Schlüsse des Nachtessens, nachdem Salat
mit Eiern, eine warme Suppe oder dergleichen verzehrt war,
noch zu einem Butterbrod ein Stückchen Käse, Schinken
oder etwas derartiges. Dieß aßen Beide immer mitsammen
von einem Teller, und kam der letzte Bissen an die Reihe,
dann schnitt immer Rode das kleine Stück, welches seine
Frau stets ihm überlassen wollte, ganz ehrlich in zwei
Hälften; und so theilten allabendlich sie ihren letzten Biffen

25
loading ...