Fliegende Blätter — 68.1878 (Nr. 1693-1718)

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Der Affe

Würfe fehlten' den blechernen Gegner, und ruhig blieb er auf
seinem erhabenen Standpunkt hocken, Keinem zu Nutz, Allen
zum Trutz. Die beiden Bremser des langen Zuges schleuderten
ebenfalls ihre Kohlengeschosse, und wenn auch eines derselben
die Stange traf, so brachte dies doch den Affen durchaus nicht
aus seiner Gemüthsruhc, und wenn ihm dies möglich gewesen
wäre, so hätte er wahrscheinlich die Zunge noch weiter gegen
die Davonsauscnden herausgestreckt.

Zug um Zug kam im Laufe des Tages vorüber und
keiner der darauf Befindlichen versäumte das. Kohlenbombardement
auf den höhnischen Vierhänder. Dasselbe war offenbar aus
gemeinschaftliche Verabredung in's Werk gesetzt. Und als am
Nachmittag gegen 4 Uhr der Affe, von verschiedenen Würfen
getroffen, zu wanken anfing, um 5 Uhr aber von der Stange
herabstürzte, da erhoben sie in dem gegenüberliegenden Lade-
schuppen ein wahres Triumphgeschrei, und ein höhnisches Ge-
lächter schallte zu Josua herüber.

Dieser that sehr zornig und drohte mit der geballten
Faust nach dem Schuppen hinüber, was einen erneuten Ans-
bruch der Heiterkeit da drüben zur Folge hatte.

Die Eisenbahner erzählten am Abend im Wirthshause
triumphirend von ihrem Sieg über den Affen, waren aber nicht
wenig erstaunt, als derselbe, da sie nach Hause gingen, ihnen

Josua's.

im Scheine des Vollmonds wieder ruhig von der Stange herab
die Zunge wies — ebenso frech und unanständig, als ob gar
nichts vorgefallen wäre. Ihr Zorn war nicht gering und
die Folge davon am anderen Tag ein verdoppeltes Kohlen-
bombardement aus sämmtlichen Zügen, dem der Affe abermals
am Abend zum Opfer fiel, nachdem er bereits um 2 Uhr
einen Theil seines Schwanzes ans dem Schlachtfeld gelassen hatte.

Wieder jubelten die Gegner, aber wieder zu früh. Der
Blecherne glotzte sie am andern Morgen wieder frisch und
fröhlich von seiner Stange an; sein reparirter Schwanz ringelte
sich noch satyrischer als zuvor, und die Zunge hatte ihm der
alte Josua über Nacht mit Wenning so grellroth neu angestrichen,
daß sie im Glanz der Morgensonne weithin leuchtete. Die
Bahnbeamten waren wüthend; diese Herausforderung war zu
frech und es regnete an diesem Tage förmlich Kohlenstücke nach
dem Affen, der schließlich abermals den Kürzeren zog und fiel.
Aber er war mit Glanz gefallen, denn ein kleiner Berg von
Geschossen lag um ihn her, und was das lustigste bei der Sache
war — am andern Morgen hatte er zum dritten Male seine
Auferstehung gefeiert.

Jetzt raste der ganze Rangirbahnhof, während der alte
Josua ruhig seiner Wege ging, als ob ihn die Sache gar nichts
anginge. —

Noch vier volle Wochen wurde der Affenkrieg fortgeführt
mit zäher Ausdauer. Die Bahnleute hatten es sich zur Ehren-
sache gemacht, das blecherne „Bcast" zu ruiniren, und nach Ver-
lauf dieser Zeit hatten sie ihren Zweck erreicht. Der Affe.
war wieder z» seinem Urstoff geworden, zu einem verbogenen,
schwarzen, unscheinbaren Stück Eisenblech.

Wer aber glaubt, daß der alte Josua nicht ebenfalls sein
Plänchen durchgcsetzt hätte, ist im Jrrthum.

Am Morgen nach dem Tage, an dem die letzte Affen-
schlacht geschlagen war, stand der smnrt-mun in seinem Garten
neben der oft bombardirten Stange und wog ans einer Decimal-

waage Kohlen ab. Als der nächste Kohlenzug vorüberkam,
lüftete er gegen den Locomotivführer leicht seine Mütze, deutete
ans das aufgestappeltc Brennmaterial und rief mit seiner scharfen
Hintermüldlerstimme über die Bretterwand hinüber:

„Einundzwanzig Centner, gut gewogen! Hier,
mit Dank die Quittung!" Und klirrend flog der einstige
Affe über die Wand. Er hatte seine Schuldigkeit gethan.

Das Geschäft war ein offenbar gutes, denn der praktische
Josua heizte den ganzen Winter für drei Silbergroschen sein
Zimmer mit prächtigen Stückkohlen. Den Spaß hatte er oben-
drein, während die Bahnlente ihren Aerger ebenfalls umsonst hatten.

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Der Affe Josuas's"
Weitere Titel/Paralleltitel
Fliegende Blätter
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Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

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Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Oberländer, Adolf
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Mann <Motiv>
Heizkosten
Haus <Motiv>
Affen <Motiv>
Rache <Motiv>
Blech
Karikatur
Kohle
Eisenbahn <Motiv>
Landschaft <Motiv>
Garten <Motiv>
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

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Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Creditline
Fliegende Blätter, 68.1878, Nr. 1694, S. 10 Universitätsbibliothek Heidelberg
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