Fliegende Blätter — 68.1878 (Nr. 1693-1718)

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Zeitungsexheditioncn angenommen. directem Bezug. Einzelne Nummer 30 Pfg.

Der Mord auf

1. Der Mord.

Es war im No-
vember. Eben schlug
es vom Thurm der
Dorfkirche in dumpfen
Schlägen 7 Uhr. —
Schon während des
ganzen Tages war
Schnee, mit Regen
untermischt, gefallen,
und die Wege waren
grundlos.

Er hatte gehofft,
in dem reichen Ort
ein Unterkommen für
seinen müden Leib zu
finden — doch umsonst!

Und er war dessen
so bedürftig. Er hatte
trotz Herbststurm und
Schneegestöber stundenlang gefachten — gefachten mit leerem Magen,
während der Wind höhnisch durch sein zerlumptes Gewand pfiff
und seine Gebeine schlotterten. In das letzte Wirthshaus des
Dorfes war er nochmals fechtend eingedrungen, aber der wohl-
genährte Knecht des Hauses war des Hungermüden rasch Herr
geworden.

Wie die trügerische Fata Morgana dem verschmachtenden
Wüsteupilger einen im' Sounengold glitzernden Quell vorspiegelt,
daß seines Durstes Qualen sich in's Unendliche steigern, so
war auf eineiu Augenblick das hellerleuchtete, behaglich durch-
wärmte Gastzimmer mit Schnapsduft und Brateugeruch vor
ihm aufgetaucht, im nächsten Augenblick aber hatte ihn eine

der Landstraße.

kräftige Faust am Kragen gefaßt, — das lockende Bild ver-
schwand und er stand wieder draußen in Nacht und Dunkel.

O wie sein Herz glühte in wilder, brennender, ungestillter
Rache! Er sprach nichts, aber er schüttelte drohend die Faust
gegen den fühllosen Knecht — das Haus — die ganze Welt!
Wer in diesem Augenblick sein Gesicht gesehen hätte, wäre er-
schrocken vor der Gewalt des schrecklichen Ausdruckes, der in
demselben lag. „Bourgeoisgeldsäcke! Vampyre des Kapitals!"
- zischte es zwischen seinen zusammengepreßtcn Zähnen hervor, dann
aber stutzte er Plötzlich und horchte hinaus in die Nacht. Ein
leichtes Waffengeklirr drang zu seinem Ohr. Er kannte dieses
Geräusch und schritt eilig weiter, immer weiter — Grimm im
Herzen — Hunger int Magen.

Und dichter fiel der Schnee — lauter heulte der Wind
und gespenstisch jagten die schwarzen Wolken über seinem Haupte
dahin. — — — — — — — — — — — — —
Da trat Sic ihm entgegen. O trauriges Verhängniß!
Sie war so schön, so jung. Kaum eingetreten in das Leben,
war sic noch umflossen von dem Hauche süßester Jungfräulichkeit,
und aus ihrem Auge strahlte die ganze Harmlosigkeit ihres
Wesens. Sie hatte einen Ausflug nach einem benachbarten
Hof gemacht und kehrte etwas verspätet heim. Ahnungslos
schritt sie auf ihn zu. In diesem Augenblicke zerrissen die ver-

hüllenden Wolken und ein Mondstrahl siel auf ihre Gestalt,
dieselbe scharf und voll beleuchtend. Dieser Augenblick genügte

— er sah sie! „Ha!" war Alles, was er herausstieß, aber
cs war ihr Todesurtheil. Ein wilder Blitz aus seinem Auge

— ein Griff seiner nervigen Faust tiach ihrem schönen Hals

— ein Sturz zur Erde — dann ein gurgelndes Röcheln und
Alles war vorüber.

Er erhob sich vom Boden, wo er sie während des Todes-
kampfes niedergchaltcn hatte, riß ein altes Gewand aus seinem

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Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Der Mord auf der Landstraße"
Weitere Titel/Paralleltitel
Fliegende Blätter
Quelle des Titels
Sachbegriff/Objekttyp
Grafik

Inschrift/Wasserzeichen

Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Mann <Motiv>
Blutspur
Messer <Motiv>
Blut <Motiv>
Nacht <Motiv>
Karikatur
Mord
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Creditline
Fliegende Blätter, 68.1878, Nr. 1706, S. 105 Universitätsbibliothek Heidelberg
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