Fliegende Blätter — 68.1878 (Nr. 1693-1718)

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Bis in den Tod.

Haus, und wenn er klug ist, strebt er darnach, bei der Wirthin
sich einzuschmeicheln."

„Nun, das scheint Ihnen bereits ziemlich gut gelungen
zu sein," entgegnete der Justizamtmann, „und wenn ich der
Wirth wäre, hm, ein wachsames Auge —"

„Herr Justizamtmann, alles in Ehren, und was unsere
Frau —" Der Oberingenieur unterbrach' sich, denn eine kleine,
etwas rundliche Frau in den mittleren Jahren war eben vom
Nebenzimmer aus hereingetreten.

„Guten Abend, Frau Margareth!" sprach er, ihr zunickend.

„Guten Abend, Herr Oberingenieur!" erwiderte sie und
reichte ihm die Hand. „Guten Abend, meine Herren; cs gab
so viel draußen zu thun — morgen ist Markttag — daß ich
gar noch nicht hereinschauen konnte. Haben der Herr Ober-
ingcnieur schon zu Abend gespeist?"

„Wo sollt' ich denn?" antwortete er. „Bin vor einer
halben Stunde erst vom Land zurückgekehrt!"

„Dann wird's Ihnen wohl pressiren. Ich habe 'schon
etwas für Sie znrückgestellt."

„Er hat es wirklich gut bei der Wirthin!" sprach der
Rechnnngsrath mit einiger Eifersucht.

„Dafür halte ich auch auf den Herrn Oberingenienr große
Stücke," entgegnete sie und wandte sich rasch zur Thüre.

Der Professor faßte an sein Kinn: „Das weibliche Ge-
schlecht im Allgemeinen, kann man sagen, wird —"

„Wie steht's, Herr Professor?" fiel der Justizamtmann
ein. „Sic sprechen ja öfter von dem Schönheitssinn eines ge-
bildeten Menschen. Wie gefällt Ihnen unsere Frau Wirthin?"

„Hm, es läßt sich wohl behaupten, daß sie noch eine
ganz nette Frau ist!"

„Hören Sie, Herr Oberingenienr?"

„Das Sticheln verfängt nun einmal bei mir nicht,"
sprach dieser.

„Sic müssen doch schon an die zwei Jahre hier sein?"
versetzte der Rechnnngsrath.

„Gegen zwei Jahre, denke ich. Aber wenn Ihnen daran
liegen sollte, es ganz genau zu wissen — "

„Nun, Sie werden doch meine unschuldige Bemerkung
nicht übel nehmen, Herr Oberingenieur. Ich wünsche, daß es
Ihnen noch lange bei uns gefallen möge."

„So lange die Wirthin in der Krone," begann der
Assessor, jedoch der Oberingenienr legte seine starke Hand auf
die Schulter desselben und rüttelte ihn ein wenig, so daß dessen
Finger ängstlich nach dem Tische griffen.

„Mein lieber Assessor," sprach jener mit noch tieferer
Baßstimme als gewöhnlich, „Sie sitzen vermuthlich schon mehrere
Jahre in der Krone, jeden Abend zum mindesten drei Stunden
lang — das letztere kann ich verbürgen — und trinken ein
gehöriges Quantum von dem guten Bier, — aber was die
Wirthin und mich anlangt, darüber sind Sic so wenig im
Klaren, wie mein Bursche über die geometrischen Figuren, die
ich auf's Papier zeichne."

„Also spielen da Heimlichkeiten," meinte der Justizamtmann,
„Ihre Aeußerungen klingen höchst verdächtig!"

„Na, die Spürnase der Justiz wird nicht Unrechtes darin
finden können!" entgegnete jener.

„Die Beziehungen der Menschen zu einander und ins-
besondere des männlichen Geschlechtes zum weiblichen —" ■

„ Sind merkwürdig, Herr Professor, ohne Zweifel!" ver-
setzte der Oberingenieur. „Nur sind nicht immer Beziehungen
vorhanden. Seit meiner ersten Liebe — und Sie können sich
denken, daß dieß schon lange her ist —"

„Darauf bin ich wirklich begierig!" fügte der Assessor hinzu.
„Jedenfalls eine heitere Geschichte!" sagte der Rechnnngsrath.
„Wissen Sie, es läuft Alles darauf hinaus, wie man ein
Ding anschaut. Worüber man vor Jahren hätte rasend werden
mögen, dazu lacht man jetzt vielleicht.

Betrachten Sic mein verwettertes Gesicht — da guckt viel
landstreicherische Beschäftigung heraus. Ich möchte wohl zu-
sammenzählen, bei welcher Menge von Eisenbahnbauten ich mit-
geholfen habe, daß sie möglichst wenig Zinsen zahlen können.
Nur nichts sparen, war immer mein Grundsatz. Ja, zwanzig
Jahre und länger bin ich hernmgewandert. Bor dieser Zeit,
als ich das Polytechnikum eben im Rücken hatte, hätten Sie
mich kennen sollen. So frisch, wie gerade aus der Schaale,
nur auch damals schon mit einer guten Portion Magerkeit.
Die habe ich von meinem Vater her, oder vielmehr von seiner
Profession — er war ehemals in der Hauptstadt Schneidermeister.
Als er das Handwerk aufgab und sich zur Ruhe setzte, war
ich noch sehr jung, und ich kann mich seiner nur als eines
Rentiers noch erinnern. Er ließ es sich etwas kosten, mir eine
ordentliche Erziehung zu geben, war einverstanden, daß ich
auf dem Polytechnikum studirte, und kümmerte sich so wenig
als möglich um mich; ich bin aber dabei als ein ganz ordent-
licher Mensch ausgewachsen. Nur einmal hatten wir eine starke
Meinungsverschiedenheit miteinander anszufechten und daran war
natürlich ein Frauenzimmer schuld."

Er hielt inne und trank sein Glas aus.

„Sie war die Tochter eines Posamentirers, der einen
offenen Laden in der Hauptstadt hatte, und als ich das letzte
Jahr das Polytechnikum besuchte, mochte sie wohl sechzehn Jahre
alt gewesen sein und half damals ihrer Mutter beim Verkauf.
Ein frisches' Mädchen war sie, ich knnn's Ihnen versichern,
lletier den vollen, runden Backen saßen ein paar Augen, deren
Glanz ein gutes Theil Lebenslust und Lebensfreude anzeigte.
Die kleine Person wußte ganz genau, daß sie hübsch war, und
als sie merkte, daß ich ihr zu Gefallen lief, spann sie so einen
Faden nach dem andern aus ihrem großen Vorrath um mich,
daß ich gar nicht mehr entrinnen konnte. Und ich muß es
ihr lassen, sie war mir auch aufrichtig gut; wir schwuren uns
ewige Treue, und ich zählte ungeduldig die Tage, bis mein
Examen glücklich bestanden war. Dann wollten wir's den
Elten offenbaren. Aber als ich bei meinem Vater herausrückte,
gäb's ein richtiges Donnerwetter. „Der Lumpenkerl, der Posa-
mentirer!" schrie er, sobald ich von der Tochter anfing. Und
beim Posamentirer ging's ähnlich. „Der aufgeblasene Schneider!"
schrie der Posamentirer, als die Tochter von mir reden wollte.
Kurzum, es war eine arge Feindschaft, in der die Beiden mit-
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