Fliegende Blätter — 68.1878 (Nr. 1693-1718)

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entgegen geritten war nnd dem, als er an dem wohlbekannten
Wappen von Weitem schon die Kutsche derselben erkannte, das
Herz nicht wenig pochte — von dem Kutscher der Lady das
in jenen Tagen nicht ungewöhnliche Abenteuer, dessen Opfer
die Damen geworden waren.

Den heftigsten Vorwürfen des heißblütigen Offiziers, daß
er seine Gebieterinen feig im Stiche gelassen habe, setzte der-
selbe die stehende Phrase entgegen: „Ich fürchte mich vor
Nichts in der Welt, nicht einmal vor dem Teufel, ja vor diesem
am Wenigsten, denn der Teufel kann nicht losgehen, aber wenn
man zwanzig Pistolenläufe auf sich gerichtet sieht, hört aller
Spaß auf."

Sir Ravenglaß war indeß eben so wenig der Mann, sich
auf lange Auseinandersetzungen, wie auf fruchtlose Klagen ein-
zulassen, und so setzte er auch in diesem Falle, der seine
Lebensgeister in Aufruhr brachte, alle zarten oder schmerzlichen
Empfindungen bei Seite und ging geradeaus aus sein Ziel:
die Entdeckung und Wiedergewinnung seiner Braut.

Er hieß den Kutscher der Lady, Pferde und Wagen in
einem Einkehrhause, in dem der reiche Offizier wohl bekannt
war, unterbringen und sich dann in seinem Quartier einsinden,
während er selbst zu Lord Ellenborough, dem Obersten und
Commandanten der Gardedragoner, eilte, ihm den Sachverhalt
miltheilte und um Urlaub bat, welcher ihm ebenso, wie seinem
Freunde und Kameraden Sir Leeds und fünf Dragonern,
welche er sich answählte, ohne Zögern ertheilt wurde.

Als der Kutscher in die Wohnung des Sir Ravenglaß
kam, fand er die beiden Offiziere eben in Berathung mit ihren
j Leuten, von denen insbesondere der schottische Riese, Sergeant
: Moorld, wiederholt auf Straßenräuber Jagd gemacht hatte,
alle ihre Schliche und Schlupfwinkel kannte und unter anderem
bei der Gefangennehmung des berühmten Räubers M'Lean
zugegen war. Der Kutscher mußte seinen Bericht nochmals er-
zählen, wobei der Teufel, der nicht losgehen kann und die zwanzig
Pistolenlänfe wieder eine große Rolle spielten.

„Nun, was denkst Du davon, braver Moorld," wendete
sich Sir Ravenglaß dann zu dem schottischen Riesen, der in
seiner Länge von sechs Fuß sogar dem dicken Kutscher Achtung
abgewann.

„Ich denke, daß wir es hier nicht mit gemeinen Straßen-
rändern zu thun haben," versetzte nach kurzem Besinnen der
Wackere, „sondern mit irgend einem großen Herrn, der zu
seinem Zeitvertreib ans friedliche Reisende Jagd macht, wie ein
anderer aus Rebhühner, Hasen oder Füchse. Gewöhnliche Ban-
diten berauben Wehrlose nnd lassen sie dann ihre Straße ziehen,
hier scheint es aber wenigstens ebenso sehr der schönen Lady
als der reichen Lady zu gelten."

„Wohin meinst Du aber, daß man die Lady gebracht hat?"
fragte Sir Leeds.

„Es gibt in der ganzen Umgegend keinen Wirth, der es
wagen könnte, in seinem Hause drei Frauen gefangen zu halten,"
erwiderte der Sergeant, „man ist heutzutage wachsam und cs
könnte dem Kerl leicht zu einer neuen Bekanntschaft mit dem
Baume von Tyburn verhelfen. Ich kann nur glauben, daß
man sie in irgend einem Schlosse oder Herrenhause verbirgt.

r Tobias.

und so wäre es das Beste, vorerst die ganze Gegend abzustreisen,
ob sich keine Spur der Gefangenen entdecken läßt."

Die Offiziere stimmten dieser Ansicht bei, und so stiegen
denn Alle zu Pferde und luden den dicken Kutscher ein, ihrem
Beispiele zu folgen. Moorld hielt für ihn ein Thier bereit.
Der Gerechte, seufzte tief auf und zögerte.

„Besinnt Euch nicht," rief Sir Ravenglaß, „Ihr müßt
uns führen, dieß ist Eure Pflicht."

„Aber es sind ihrer zwanzig und unserer nur acht,"
jammerte er.

„Merkt Euch, daß ein Dragoner zehn solche Kerle werth
ist," belehrte der Riese den dicken Feigling, „und daß folglich
wir in der Ueberzahl sind."

„Ich meinerseits will nur für einen halben Mann gerechnet
werden," sagte der Kutscher, „mit dem nehme ich es allenfalls
auf, wenn Ihr mir einen Degen, zwei Pistolen und eine Flinte
geben wollt. Eine Hellebarde könnte auch nicht schaden."

„Wünscht Ihr vielleicht noch eine Kanone?" spottete der
Riese. Sir Ravenglaß ließ hieraus aus seiner Wohnung einen
Degen und zwei Pistolen holen und sie dem Kutscher übergeben,
dann setzte sich die Expedition in Bewegung. Die Dragoner
ritten so scharf, daß der arme Kutscher mehr als einmal seine
Seele Gott befahl.

Als sie die Hounslow-Haide passirten, fragte Sir Raven-
glaß wiederholt, an welcher Stelle der Ueberfall geschehen. Der
Kutscher behauptete jedoch entschieden, vor Nacht und Nebel jede
Orientirung verloren zu haben.

„Wird wohl mehr die Höllenangst gewesen sein!" brummte
der schottische Riese.

„Bah!" prahlte der Dicke, „ich fürchte mich weder vor
Hölle noch Teufel, denn der Teufel kann nicht losgehen, und in
der Hölle brauchen sie das Pulver, um die armen Seelen zu
braten, aber zwanzig geladene Pistolen, das ist etwas Anderes."

Sir Ravenglaß durchritt die Haide mit seinen Begleitern
nach allen Richtungen, ohne etwas zu entdecken, was für die
Verfolgung der Räuber irgend eine sichere Fährte ergeben hätte.
Gegen Abend machten sie an einem Kreuzwege Halt, saßen ab,
öffneten ihre Brodsäcke und hielten ein frugales Soldatenmahl.

Plötzlich sagte der Riese: „Der Teufel soll mich ans
der Stelle holen. Eure Herrlichkeit, wenn nicht hier der
Ueberfall stattgesunden hat — das Plätzchen ist ganz nach dem
Geschmacke dieser Bursche." Er stand auf nnd begann die
nächste Umgebung zu durchsuchen. Er suchte lange vergeblich,
endlich schien ihm aber das Glück günstig; er bückte sich, hob
einen funkelnden Gegenstand auf, betrachtete denselben und näherte
sich dann langsam dem dicken Kutscher. „Strenge Dein Hirn
etwas an," sprach er zu ihm, „kennst Du dieses Armband?"

Der Kutscher warf nur einen Blick ans dasselbe und rief:
„Ich kenne es, es gehört Lady Arabella."

Sir Ravenglaß betrachtete cs nun gleichfalls und verbarg
es dann an seiner Brust.

„Nun haben wir leichtes Spiel," sagte der Sergeant,
ergriff den Kutscher bei den Schultern, stellte ihn mitten ans
die Landstraße mit dem Gesicht gegen London zu und fuhr fort:
„So stand offenbar die Kutsche als Ihr überfallen wurdet; wohin
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