Fliegende Blätter — 87.1887 (Nr. 2188-2213)

Page: Massstab/ Farbkeil
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb87/0237
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
206

|_5

Im Amtslokale der Staatskasse zu L. war wieder einmal
Heulen und Zähneklappern: Beim Kassensturze am Abende
ergab sich ein Fehlbetrag von zehn Pfennigen! Das war
ein Unglück! War doch des Staatska'ssirers Sinnen und

Trachten und seines Lebens Zweck und Ziel nur der eine
Wunsch, daß an jedem Tage, den ihm Gott schenkte, seine
Kasse stimme. Ein einziger Pfennig, fehlend oder über-
zählig an dem ihm anvertrauten Staatsgute, war geeignet, ihm
schlaflose Nächte und seinen Untergebenen, einem Assistenten,
drei Kanzlisten und einigen Kassendicnern. trübselige Bureau-
stunden zu bereiten. Ohne Gnade und Barmherzigkeit, ohne
Rücksicht auf knurrende Magen mußte der fehlende oder

' urch alle Journale und
; die Ursache der Irr-
ste das Personal das
ennigdifferenzcn längst
-lasse zu L. geworden,
ruf: „Zehn Pfennige
den Kanzlisten Heller
glücklicher Bräutigam,
der Gesellschaft „Er-
en um dieselbe Zeit
er sich durch weise

eend vorbereitet
cht. am Kanz-

Art Sehnsucht
hen wüthenden
ditionsuhr. die
ls das Suchen
Das übrige
tion in's Un-
ten murmelten
n und jagten

ihlenden Zehn-

fiderisch! Zur Steuer
den. daß in dieser
iebe erfinderisch war.
Ichem Angesichts des
's zuerst der teuflische
n g des Zehnpfennig-


Jn Thräncn aufgelöst wartete vergebens die sitzengelassene
Braut, und die Freunde Heller's wunderten sich über dessen Aus-
bleiben und aßen und tranken vergnügt seinen Festantheil. Noch
um zehn Uhr war Heller mit wüthendem Hunger nach dem Hause
seiner Hoffnungen geeilt, um das Mögliche zu retten. Aber
er fand die Hausthür verschlossen. So blieb ihm nur übrig,

Defizits lebendig wurde. In seiner Westentasche wußte Heller
einen Zehnpfenniger, den er zu einem Vesperbrode bestimmt,
aber schließlich nach reiflicher Ueberleguug doch noch gespart
hatte. Ihn beschloß er zu opfern!

Nur noch eine Viertelstunde fehlte an acht Uhr. da legte
Helleres Hand in einem günstigen Momente geräuschlos und
unbemerkt den Zehnpfenniger in das Körbchen mit Kleingeld,
das gerade vor ihm auf dem Tische stand. Nun galt es, rasch
den Kassirer zum nochmaligen Zählen des Kleingeldes zu be-
wegen — eine heikle Ausgabe. Aber da kam ihm auch sch»"
der Assistent zuvor, just als wüßte er, was Heller eben gcthan.
Vorsichtig bat er den Herrn Kassirer um eine nochmalige Zählung
des Kleingeldes, vielleicht kläre sich die Differenz auf! Diesel
that es. aber mit höhnischem Lächeln, denn er verzählte sich
nie! Er that es unter dem Frohlocken der beiden Gehilfen "
und das Resultat war überraschend: statt der anfänglich

fehlenden zehn Pfennige fand sich jetzt der gleiche Betrag
als Ueberschuf; vor! Der Kassirer verfärbte sich, seine Kniee
schlotterten — er sah sich im Geiste schon alters- und gedanken-
schwach. er hatte sich verzählt! Starr und steif standen Wind-
lich und Heller da, keines Gedankens fähig. Und der Fall
lag doch so einfach: Windlich hatte ebenfalls einen
Zehnpfenniger in die Kasse geschmuggelt! 3'*i
diesem Augenblicke rief aber auch noch einer der übrigen Kanz-
listen mit fröhlicher Geberde, daß er die fehlenden zehn Pfennige
in einem Rechnungsfehlcr gefunden. Nun hatte die Kasse sogar
einen Ucbcrschuß von zwanzig Pfennigen!

Hoffnungslos sanken die beiden Attentäter ans ihre Sessel;
nur ein Wunder konnte sie nun noch erlösen, und Wunder ge-
schehen in Kassen- und Rechnungsdingen nicht! Das Suchen und
Rechnen begann von Neuem, natürlich ohne Erfolg. Um zehn
Uhr stellte der Kassirer gramvoll die Erörterungen ein und
schloß verzweiflungsvoll die Kasse. —
loading ...