Goldschmidt, Adolph
Die Elfenbeinskulpturen aus der Zeit der karolingischen und sächsischen Kaiser, VIII. - XI. Jahrhundert (Band 1) — Berlin, 1914

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JÜNGERE METZER SCHULE

8 I. BUCHDECKEL. TAFEL XXXIV

Christus im Tempel, Hochzeit zu Kana, Heilung des Aus-
sätzigen.

Ende des IX. Jahrhunderts. Metzer Schule.
Berlin, Kaiser-Friedrich-Museum Nr. 3i.

Höhe 22,2 cm, Breite 11,6 cm.

Die Köpfe sind zum Teil stark abgerieben. Große Bohrlöcher haben die Ecken
bis auf eine abgesprengt, andere Durchbohrungen in der Mitte der Langseiten.
Der Grund ist an mehreren Stellen gesprungen, abgebrochen sind auf der
unteren Szene die Hand Christi und einige Finger des Aussätzigen.
i856 aus der Sammlung Wallerstein in die Königl. Kunstkammer, aus der es
in das Museum überging.

Die Platte ist in drei Streifen geteilt, die Trennung wird ebenso
wie der Gesamtrahmen durch einen breiten Streifen von Akanthus-
palmetten gebildet, deren Anordnung in der obersten Abteilung
anders ist als im übrigen. Die erste der Darstellungen zeigt Christus,
zwischen den Schriftgelehrten sitzend, und Maria, die zu ihm tritt
und die Hand an seinen Arm legt. Christus ist bartlos, aber nicht
im Knabenalter gegeben. Darunter die Hochzeit zu Kana, Maria
spricht zu Christus, der auf die Gefäße am Boden zeigt, hinter ihm
links drei Apostel, rechts die Tafel mit vier speisenden Männern und
zwei Dienern, von denen der eine aus den Gefäßen am Boden schöpft,
der andere den Speisenden einen Becher reicht. Zu unterst die
Heilung des Aussätzigen, der durch kleine vertiefte Flecken am
Körper gekennzeichnet ist. Den Hintergrund bildet ein Haus.
Christus wird begleitet von fünf Aposteln.

Das Belief ist eines der besten dieses Stils. Sowohl die figürlichen
wie auch die ornamentalen Teile sind von größter Sauberkeit in
der Ausführung. Am nächsten kommen ihm darin Nr. 82, io/\—106
Man ist daher auch geneigt, seine Entstehung in das Zentrum der
Schule zu setzen.

Literatur: E. Förster, Denkmale deutscher Baukunst, Bildnerei und Malerei V,
1860, S. 21 f. — Schnaase, Geschichte der bildenden Künste 2 IV, 1871, S. 65"]. —
Westwood, Fictile Ivories 1876, no. 291. — Rohault de Fleury, La Sainte Vierge I,
1878, p. 184, 186. — Bode, Geschichte der deutschen Plastik 1887, S. i5 (Abb.
der zwei oberen Felder). — Weizsäcker bei Ebrard, Die Stadtbibliothek in Frank-
furt a. M., 1896, S. 175 f. — Stuhlfauth, Die altchristliche Elfenbeinplastik 1896,
S. i65. — Haseloff, Eine thüringisch-sächsische Malerschule 1897, S. 128. —
Vöge, Die Elfenbeinbildwerke 1900/02, Nr. 3l. — Tikkanen, Die Psalterillu-
stration im Mittelalter I, S. 206 Anm. 3 (1900). — Homburger, Die Anfänge
der Malschule von WTinchester im X. Jahrhundert 1912, S. l5 Anm. 2, S. 26. —
Laurent, Les ivoires pregothiques conserves en Belgique 1912, S. 107/8, Fig. 37.

82. BUCHDECKEL. TAFEL XXXIV

Hochzeit zu Kana, Vertreibung der Händler, Heilung des
Blinden.

Um 900. Metzer Schule.

Würzburg, Universitätsbibliothek Cod. th. fol. 65.
Höhe 25,5 cm, Breite 16,9 cm.

Die beiden seitlichen Rahmenteile sind aus besonderen Stücken gearbeitet.
Erhaltung gut.

Der Holzdeckel, auf dem sich die Elfenbeinplatte befindet, zeigt noch Reste
von Filigranschmuck und gefaßten Steinen, die der gleichen Zeit angehören
können. Die Handschrift, die von dem Einband bedeckt wird, ist ein Evangeliar
in insularer Schrift, das wohl noch dem IX. Jahrhundert zuzurechnen ist.

Die Bildfläche ist durch Erdbodenstreifen in drei Felder geteilt.
Oben die Hochzeit zu Kana: links der Tisch mit den Speisenden,
vor dem zwei Diener den Wein reichen, rechts teilt Maria ihrem

Sohn, der von Jüngern begleitet herantritt, den Mangel an Wein
mit. In der zweiten Beihe kommt Christus mit zwei Jüngern von
links und schwingt die Geißel nach den Händlern in der Vorhalle
des Tempels, die durch ein Giebeldach, das von Säulen getragen
wird, angedeutet ist. Lebhaft ist das Treiben geschildert, der
Taubenhändler springt vom Stuhl auf, die Viehverkäufer treiben
ihre Herde hinweg, die andern tragen ihre Habseligkeiten davon
oder blicken sich empört um. In der untersten Beihe die Blinden-
heilung: Christus bildet die Mitte zwischen der Gruppe der Jünger,
zu der er sich umwendet, und der Schar der Männer, die den
Blinden heranführt. Den Bahmen des Ganzen bilden die dieser
Schule eigentümlichen, scharfgeschnittenen Akanthuspalmetten.
Die Arbeit ist sehr gut und sorgfältig, der Faltenwurf noch nicht
schematisch erstarrt, so daß man auch dieses Stück wie Nr. 81
zu den frühen der Gruppe rechnen muß. Die Behandlung des Erd-
bodens steht dem der Liuthardgruppe sehr nahe, die Köpfe haben
ihren eigenen sehr bestimmten Charakter.

Literatur: Sighart, Geschichte der bildenden Künste im Königreich Bayern,
München 1862, S. 116 f. — Lötz, Kunsttopographie Deutschlands II, 1863, S. 597. —
Schnaase, Geschichte der bildenden Künste 2 IV, 187 1, S. 656f. — Westwood,
Fictile Ivories, 1876, p. 476- — Rohault de Fleury, La Sainte Vierge I, 1878,
p. 186, pl. XLIV (A); II p. 482- - Otte, Handbuch der kirchlichen Kunst-
archäologie des Mittelalters 5 I, 1883, S. 174- — Schepss, Die ältesten Evangelien-
handschriften der Würzburger Universitätsbibliothek 1887, S. 34- — Haseloff,
Eine thüringisch-sächsische Malerschule des XIII. Jahrhunderts, 1897, S. 128.—
Laurent, Les Ivoires pregothiques conserves en Belgique 1912, S. 108. — Photo-
graphie: Gundermann, Würzburg.

83. BUCHDECKEL. TAFEL XXXV
Kreuzigung und die vier Evangelisten.

IX. —X.Jahrhundert. Metzer Schule.

Paris, Bibliotheque Nationale Lat. 9383 (Suppl. lat. 65o, Ex-
pose 266).

Höhe 24 cm, Breite 12,3 cm.
Erhaltung gut.

Die Handschrift kam 1802 aus der Kathedrale von Metz, wo sie in dem Mau-
gerardschen Katalog der Manuskripte von 1756 mit dem entsprechenden Ein-
band erwähnt wird, nach Paris. Dieser ist samt der goldenen Umrahmung
des Elfenbeins mit zahlreichen Edelsteinen und Platten von Zellenemail im

X. Jahrhundert entstanden. Er ist später als die darin enthaltene Handschrift,
die wohl noch der Mitte des IX. Jahrhunderts angehört und zum Gebrauch
der Metzer Kirche geschrieben ist. Ursprünglich befand sich die Elfenbeinplatte
wahrscheinlich auf der Handschrift Lat. 9390 (vgl. Nr. 84). Zwei Goldstreifen
auf dem oberen und unteren Teil des Rahmens tragen folgende Inschrift in
etwas rustikalen Kapitalen:

In cruce restituit xps, pia victima factus
Quod mala fraus tulerat serpentis preda ferocis.
Die Rückseite des Einbandes ist schmucklos.

Christus am Kreuz zwischen Maria und Johannes auf der einen
Seite und der Ecclesia auf der andern Seite, die als Siegerin auf
die Personifikation der Stadt Jerusalem zugeht. Diese ist durch
die Mauerkrone charakterisiert und hält das Opfermesser in der
Hand. In einer etwas tieferen Reihe sind Longinus und Stephaton
mit Lanze und Schwamm angebracht, zwischen ihnen unter dem
Kreuz der Mantel Christi und ein tonnenartiges Gefäß, das zum
Werfen des Loses dient, wie es auf andern Kreuzigungsdarstellun-
gen der gleichen Zeit in Gebrauch erscheint, z. B. auf den Elfen-
beinplatten im Victoria und Albert Museum in London (Nr. i32a)
und in der Kathedrale von Narbonne (Nr. 3i). Es ist dort an einer
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