Goldschmidt, Adolph
Die Elfenbeinskulpturen aus der Zeit der karolingischen und sächsischen Kaiser, VIII. - XI. Jahrhundert (Band 1) — Berlin, 1914

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KLEINE GRUPPEN UND EINZELSTÜCKE

Die Reihe der folgenden Stücke ist sehr verschiedenartig zusammen-
gesetzt, und über die meisten sind die Akten noch keineswegs ge-
schlossen, so daß eine endgültige Einreihung erst geschehen muß.
Tafel LVII—LXII bringen Reliefs, die in mehr oder minder starker
Beziehung zur Liuthard- und zur älteren und jüngeren Metzer
Gruppe stehen, ohne daß man sie, mit wenigen Ausnahmen vielleicht,
jenen Schulen ganz sicher einordnen könnte. Tafel LVIII, Nr. i35
und L1X, Nr. i 3y und i38 allerdings muß man ausscheiden; sie sind
stilistisch andersartig und in der Entstehungszeit unsicher. Das-
selbe gilt von Tafel LX III, auf der nur Nr. 149 ein ausgesprochen ka-
rolingisches Stück ist. In den darauffolgenden Tafeln linden sich
dann Reliefs, durch die vielleicht andere in den Handschriften
einigermaßen festgestellte, aber in der Skulptur noch nicht klar-
gelegte karolingische Schulen repräsentiert werden. Bei Nr. 153,
155, t 58, 178, 179, 180, 182 ist die Frage der turonischen Her-
kunft aufgeworfen, doch nur in sehr hypothetischer Form, die
hier um so mehr geboten ist, als die Stücke unter sich sehr ab-
weichend gestaltet sind. Nr. 178—180 verdienen wegen ihres
frühen Datums besondere ßeachtung. Und damit gelangen wir zu
einem Anhängsel von wenigen Stücken (Xr. 187—190), die ver-
mutlieh in die Zeit vor Karl dem Großen zurückgehen und zu
den Uberresten einiger Diptychen, die in merowingischer oder
frühkarolingischer Zeit offenbar aus dem Orient eingeführt sind,
wenn sie ihren rohen Formen nach auch für einheimische vor-
karolingische Arbeit angesehen werden könnten.
Neben all diesen disparaten Stücken schließt sich eine Anzahl
doch zu kleinen festeren Reihen zusammen, so zu einer Gruppe
von noch unbestimmten Ursprung (Nr. 120—131), die durch eine
besondere Form des Akanthusrahmens mit ruhigen Rlattreihen
charakterisiert wird, einer von St. Gallen (Nr. i63—107) mit an-
deren Werken ähnlicher Tendenz und einer, die vielleicht in
Tournai zu lokalisieren ist (Nr. 159—162).

Die erste Reihe gliedert sich in zwei Familien, die offenbar ver-
schiedene Künstler oder verschiedene Stufen eines gemeinsamen
größeren Komplexes repräsentieren. Die eine von ihnen bestellt
in jenen drei Sakramentarplatten von hervorragender Arbeit in
Frankfurt, Cambridge und Heiligenkreuz, für die wir einen gemein-
samen Autor in Anspruch nehmen können (Nr. 120, 121, 122).
Die subtilste Durchführung des Details, vor alllem der ornamen-
talen Bestandteile, der Reichtum an Architektur, die Korrektheit
der Akanthuspalmetten und der korinthischen Kapitelle, die auf
ein direktes Studium antiker Vorbilder schließen läßt, zeichnen
diese Werke vor allen andern aus. Die Augen, Ohren und Finger
sind mit einer sonst ungewohnten Betonung der Einzelheiten aus-
gearbeitet. Alle diese Eigenschaften sind in herabgeminderter Form
bei den Platten Nr. 123—131 zu verfolgen, die wieder unterein-
ander im allerengsten Zusammenhang stehen. Die Akanthusblätter
als Rahmen sind vereinfacht, aber in der ruhigen Reihung der
Palmetten stimmen sie mit den Sakramentarplatten überein im
Gegensatz zu allen übrigen karolingischen Schulen mit Ausnahme
des frühen Metzer Meisters (Nr. 72, 73, 74), der in seinen Rahmen
eine gewisse Ähnlichkeitzeigte, undzu dem diese Gruppe möglicher-
weise auch in irgendeiner Reziehung steht, denn auch die Behand-
lung des Erdbodens von Nr. 73 findet sich wieder bei Nr. 125—127
und der Baum von Nr. ia3 macht den Eindruck einer Schemati-

sierung des Raumes von Nr. 75. Mit den drei Sakramentarstücken
hat diese aus neun Platten bestehende zweite Reihe auch die Beto-
nung der Architektur (Nr. 125, 126, 128), die Art der Augen- und
Ohrenbildung (besonders bei den größeren Reliefs), die ruhig
fließenden Gewandfalten gemeinsam, wenn auch alles in einer et-
was schwächer ausgeprägten Form auftritt. Mit ihnen hat sich die
Kunstgeschichte schon öfters beschäftigt, da mehrere (Nr. 128, 129,
i3o) sich auf Handschriften des ehemaligen Bamberger Domschatzes
befinden. Sie wurden zuletzt von Vöge* als Metzer (?) Arbeiten
des IX. Jahrhunderts und von Swarzenski** noch vorsichtiger
bezeichnet als lothringische Schule, welche die karolingische
Epoche streift. In der Tat ist die genauere zeitliche Bestim-
mung sehr schwer. Sie ist vielleicht zu erlangen durch eine
eingehende Bearbeitung der Kölner und der frankosächsischen
Miniaturenschulen des IX. und X. Jahrhunderts. Sowohl zu an-
dern Kölner Elfenbeinreliefs, die im zweiten Bande veröffentlicht
werden, wie zu Kölner Handschriften*** bieten diese Werke in
ikonographischer wie in stilistischer Beziehung Ähnlichkeiten. H in-
zuweisen ist auf die Ausfüllung des Bildfeldes mit Architektur, auf
die Form der Augen mit tiefer Unterschneidung, der Finger mit
Falten und Gelenken, auf den Himmelfahrtstypus mit der Rücken-
figur Christi, auf die ohne Körperansatz gegebenen Masken von
Sol und Luna bei den Kreuzigungen usw. Auch befindet sich unter
den niederrheinischen Reliefs eine genaue Kopie nach der Himmel-
fahrt (Nr. i3i). Andrerseits ist auf die Ähnlichkeit der Kreuzi-
gung (Nr. i3o) mit der im Evangeliar Franz II. in Paris, das der
frankosächsischen Handschriftengruppe angehört, schon früher
hingewiesen worden. Auch bestehen zwischen den Kölner Hand-
schriften und den frankosächsischen zweifellos Reziehungen.
Die ganze Gruppe zeichnet sich durch die ruhigen, klaren Formen
aus, durch großes Schönheitsgefühl, durch ein abgewogenes Gleich-
gewicht in der Komposition, das bis zur Symmetrie führt, durch
gleichmäßig geschwungene Faltenlinien, die ebenso wie die ge-
messenen Gesten sich stark unterscheiden von den Formen der
Liuthardgruppe und sich wieder mehr dem repräsentativen Charak-
ter der Adagru ppe nähern. Auf alte Vorbilder weisen manche guten
Posen, die Flügellosigkeit vieler Engelsgestalten, die Motive des
Gewandhaltens.

Von jeher am genauesten festgelegt waren die St. Gallener Platten
des Tuotilo. Wenn auch die Persönlichkeit des Künstlers in den
verhältnismäßig späten Quellen legendär ausgestaltet war, so treffen
doch die verschiedenen Umstände so zusammen, daß wir die Ent-
stehungszeit der bekannten Platten der Majestas und der Ascensio
Mariae (Nr. i63)um 900 als gesichert annehmen können (siehe den
Text zu den Tafeln). Sie schließen sich eng an die späten Werke
der sog. Schreibschule von Corbie (vgl. z. B. das Sakramentar Paris
Lat. 1141) (Abb. 19 und 20) und sind ein deutliches Beispiel dafür,
wohin der karolingische Stil am Ende des Jahrhunderts führt:
ein starkes Vorwiegen des ornamentalenRIattwerkes, einZusammen-
schrumpfen des Faltenwurfes zu enger Parallelschraffur und eine

* Die Elfenbeinwerke, S. 20.
** Die Regensburger Buchmalerei, S. 63.

*** Vergleiche das von Haseloff angegebene Material in A. Michel, llistoire de
l'Art, Bd. II, S. 728 ff., besonders das Evangelium von St. Gereon in Stuttgart
fol. 21.
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